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Aus der Welt der Literatur



2019-04-08
Ein ungezähmtes Leben (Jeannette Walls / Diana Verlag / ISBN 978-3-453-35562-0)

Jeannette Wallis ist ein typisches Beispiel für eine - mehr oder weniger - Späteinsteigerin, was die Schriftstellerei und hier insbesondere das Verfassen von Romanen angeht. 1960 in Phoenix/USA geboren, wuchs sie in einem familiär nicht unproblematischen Umfeld auf, hatte zwar schon bald mit Sprache und Schreiben zu tun, arbeitete als Journalistin und Moderatorin, schrieb Kolumnen und war in TV-Vormittagsprogrammen aktiv. Doch richtig bekannt wurde sie nicht. Das änderte sich schlagartig, als sie 2006 – immerhin schon 46 Jahre alt – ihr Roman-Erstlingswerk „Schloß aus Glas“ herausbrachte, in dem sie mutig und unverblümt ihr eigenes Leben erzählt. Der Roman wurde inzwischen verfilmt, nachdem er zunächst als unverfilmbar galt, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, entwickelte sich zum internationalen Bestseller.

Im Roman „Ein ungezähmtes Leben“, der hier besprochen und mit einem Textauszug vorgestellt wird, geht es um die Familie von Jeannette Wallis, und zwar um das Leben ihrer Großmutter und Mutter; beider Biographien studierte sie akribisch, befragte beharrlich ihre Eltern, insbesondere die Mutter. Herausgekommen ist die hervorragend biographisch angelegte Beschreibung eines aufregenden, ungewöhnlichen, doch wohl nicht untypischen amerikanischen Lebens im beginnenden 20. Jahrhundert. Auch dieser Roman der Autorin brachte es zum Bestseller, ist unbedingt lesenswert.


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"Ein ungezähmtes Leben" (Jeannette Walls / Diana Verlag / ISBN 978-3-453-35562-0 / € 9,99)


Textauszug:


Etwa in der Mitte des Schuljahres rief mich Mutter Albertina zu einem Gespräch in ihr Büro. Sie sagte, ich machte meine Sache am Sisters of Loretto sehr gut. „Viele Eltern schicken ihre Töchter her, damit sie den letzten Schliff bekommen“, fuhr sie fort, „und sich so leichter verheiraten lassen. Aber du mußt nicht heiraten, weißt du?“

Darüber hatte ich noch nie groß nachgedacht. Mom und Dad taten immer so, als verstünde es sich von selbst, daß Helen und ich heirateten und Buster die Farm erben sollte, obwohl ich einräumen mußte, daß ich noch nie einem Jungen begegnet war, den ich mochte, geschweige denn heiraten wollte. Anderseits wurden Frauen, die nicht heirateten, zu alten Jungfern, die unter dem Dachboden schliefen, den ganzen Tag Kartoffeln schälend in einer Ecke saßen und ihren Familien zur Last fielen, wie Louelle, die Schwester von unserem Nachbarn, dem alten Pucket.

Ich sei keineswegs zu jung, um mir Gedanken über meine Zukunft zu machen, meinte Mutter Albertina. Die stehe schon vor der Tür. Manche Mädchen, die nur ein oder zwei Jahre älter seien als ich, heirateten sagte sie, oder ergriffen einen Beruf. Selbst Frauen, die heirateten, sollten in der Lage sein, irgend etwas zu tun, weil Männer die Angewohnheit hätten, einem wegzusterben oder manchmal auch wegzulaufen.

In der heutigen Zeit, fuhr sie fort, stünden Frauen eigentlich nur drei Berufe offen: Krankenschwester, Sekretärin oder Lehrerin.
„Und Nonne“, sagt ich.
„Und Nonne“, sagte Mutter Albertina mit einem Schmunzeln. „Aber dafür muß du berufen sein. Fühlst du dich dazu berufen?“
Ich gab zu, daß ich es nicht wußte.
„Du hast ja noch Zeit, darüber nachzudenken“, sagte sie. „Aber ob du nun Nonne wirst oder nicht, ich glaube, daß du eine wunderbare Lehrerin wärst. Du hast eine starke Persönlichkeit. Die Frauen mit starker Persönlichkeit, die ich kenne, diejenigen, die Generäle hätten werden können oder Kompaniechefs, wenn sie Männer wären, sind alle Lehrerinnen geworden.“
„Wie Sie“, sagte ich.
„Wie ich.“

Sie schwieg kurz. „Lehren ist auch eine Berufung. Und ich habe schon immer gedacht, daß Lehrer auf ihre eigene Art heilig sind – Engel, die ihre Herde aus der Dunkelheit führen.“





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