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Aus der Welt der Literatur



2019-01-21
Solsbüll (Jochen Missfeldt / Rowohlt / ISBN 978-3-498-04539-5)

Jochen Mißfeldt, geb.1941 in Satrup bei Schleswig im nördlichen Schleswig-Holstein, hat eine bemerkenswerte Biographie aufzuweisen. Zunächst Fliegeroffizier bei der Bundeswehr( Oberstleutnant und Staffelkapitän, u. a. Starfighterpilot), studierte danach Musikwissenschaft und Philosophie. Seitdem widmet er sich mit großer Hingabe der Literatur, schrieb und publizierte bislang Erzählungen, Gedichte und Romane („Solsbüll“, „gespiegelter Himmel“, „Steilküste“ und zuletzt „Sturm und Stille“). Weiterhin gab er die Storm-Biographie „Du graue Stadt am Meer“ heraus. Für den NDR drehte er den Fernsehfilm „Überflug“.

Missfeldts „Sollsbüll“ wird zurecht mit der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz und der „Blechtrommel“ von Günter Grass verglichen. Ein Mehrgenerationen-Roman, in dem sich die entscheidenden Ereignisse der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts widerspiegeln. Und das sind ganz wesentlich die beiden Weltkriege, die dort, wo Missfeldt die Geschichte angesiedelt hat, ihre Spuren, ihre Wunden hinterlassen. Die Nöte der Menschen, die Sorgen, die sie bewegen, am Ende schließlich die Untaten der Nationalsozialisten, deren Schergen die jüdischen Einwohner selbst im dörflichen Umfeld Schleswig-Holsteins angehen und in den Tod schicken. Missfeldts Sprache ist eine auffällige, gleichwohl unprätentiöse, mitunter wie gewollt einfach und schnörkellos, dann wiederum ins Poetische, in leise Töne überwechselnd. Er schreibt ohne Anführungszeichen bei den Dialogen, läßt überhaupt die Fragezeichen weg, was alles manchmal das Lesen etwas erschwert, doch man gewöhnt sich rasch an diese Besonderheiten und liest fortan mit großer Neugier und Anteilnahme vom Leben jener Menschen, die das Schicksal zufällig in dieses Land und diese Zeit hineinstellte.


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"Solsbüll" (Jochen Missfeldt /Rowohlt/ISBN 978-3-498-04539-5)


Textauszug:

Gunde fragte: Ist was verkehrt.
Ich log: Nein, Gunde, aber das Fahrrad bringst du uns doch wieder, oder.
Gunde sagte: Sowieso.
Zu Hause machte ich meiner Tochter Vorwürfe. Meine Tochter wehrte sich aber: Wer hat gesagt, daß wir freundlich zu Gunde sein sollen, wer hat gesagt, wir sollen den Armen helfen.
Ja, das habe ich gesagt, aber schrei bitte etwas leiser, Tochter. Ich fürchte nur, daß Gunde mit dem teuren Rad abhaut, die hat doch nicht alle Tassen im Schrank, und wir können uns ein neues nicht einfach so aus den Rippen schneiden.
Es folgte eine längere Pause, weil ich die Lippen fest aufeinanderlegte, bis meine Tochter sagte: Ja, hoffentlich kriegen wir das Rad wieder.

Aber Gunde brachte das gute Stück zurück nach ihrer nächsten Fahrt zum Solsbüller Bäcker. Danach war folgendes Tochter-Versprechen einzulösen: Gunde, mein Vater flickt dir das Fahrrad. Unser Flickzeug war lückenhaft, es fehlten die Flicken und die Gummilösung. Also morgen.
Macht nichts, sagte Gunde, dann fahr ich wieder platt. Und sie entschwand um die Wildrosen herum mit klapperndem Schutzblech.

Ich komme gleich, rief ich zu Ruth, ich lege nur noch mal eben meinen Kopf auf ein blühendes Heidebüschel, damit ich nach oben sehen kann.
Was kann schöner sein als dieser Himmel. Er summt aus Bienen und Libellen. Er schweigt aus den schön sitzenden Vögeln.
Nur noch einen Augenblick.
Nele trägt seit einiger Zeit stets ein schmal um den Kopf gebundenes Tuch, dessen Zipfel ihre Wunde am Hals verdecken. Krebs. Nele ist ein Leichtgewicht, sie wiegt, sagt sie, achtundneunzig Pfund.
Ich stelle mir Folgendes vor: Ich trage Nele in der Solsbüller Au auf dem Arm, gehe knietief im Wasser mit ihr, hinten der Heidberg, rechts die Wassermühle, vorn die Brücke. Sie legt ihren Kopf mit der wunden Seite an meine Brust, ich atme über ihr frischgewaschenes Haar und sage nichts, und sie sagt auch nichts.
Letztes Mal, als Nele hier war, kam sie auf ihren Vater Harry C. Goldschmidt zu sprechen, obwohl ich nicht nach ihm gefragt, nur an ihn gedacht hatte. Ach, sie habe wenig von ihrem Vater gewußt. Übrigens wisse man ja überhaupt nicht, wer oder was einer sei. Auch nicht, wer man selber sei, zu wie vielen man sei, wie nahe oder fremd zueinander, wie glücklich oder unglücklich und warum. Von ihrem Vater wisse sie nur eins: Er habe nicht anders gekonnt, also habe er auch keine Schuld, also brauche sie ihm auch nicht zu vergeben. Er hat ihr in seinen furchtbaren fünf Minuten alles, was heiß war, an den Hals gekippt, Kaffee, Tee, Wasser, Milch und so weiter, immer an dieselbe Stelle, und geschrieen und getobt.
Oh, Nele, das wußte ich ja gar nicht. Das ist ja ein Abgrund. Nele sagte: Der Abgrund ist mein Dom. Genau an dieser Stelle am Hals ist die Krankheit ausgebrochen. Manchmal habe sie schlimme Schmerzen, neulich acht Wochen lang. Aber das sei nicht so wichtig, dann gehe ihr Verstand eben mal nicht weiter als Bettkante. Nun gehe er aber wieder weiter.

Das war das letzte Mal, um Jacobi. Heute, am 1. September 1988, werde ich den Mut haben, sie zu bitten: Zeig mal deine Narbe. Ich möchte die Stelle sehen, wo sie ihre unheilbare Krankheit besiegt hat. Da sind noch Spuren des Kampfes. Nach dem Kampf wurde die Stelle heilig. Wie hast du das geschafft.
Ich stelle mir vor, es ist ganz einfach und logisch. Der Haifisch, der einem von innen Stück für Stück wegreißt, der muß raus. Nele hat ihren Haifisch durch die Stelle am Hals hinausbugsiert. Jeden Tag hat sie keine Angst.

Also, jetzt müssen wir wirklich los. Es gibt da noch einiges, aber ich denke, ich lasse alles so liegen.






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