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Aus der Welt der Literatur



2016-10-19
Hebt an den Dachbalken, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt (Jerome D. Salinger / Rowohlt Taschenbuch / ISBN 3499251744)

Er war, nein, er ist einer der ganz Großen der amerikanischen Literatur. Dabei schrieb Salinger nur einen einzigen Roman, doch der hatte es in sich, machte ihn weltbekannt, wurde zum Kultbuch schlechthin, brachte es inzwischen auf eine Auflage von wohl bald 30 Millionen und verkauft sich immer noch („The Catcher in the Rye“, deutsch: „Der Fänger im Roggen“). Doch Salinger schrieb auch eine Reihe von Erzählungen; diese drehen sich indes allesamt um eine einzige Familie, die Glass-Familie, eine Ansammlung merkwürdiger bis chaotischer, wohl auch ungewöhnlicher Menschenkinder. Von und über deren Leben berichtet Salinger, und es sind nicht die Einzelheiten, nicht die Details der gewiß interessanten Begebenheiten, mit denen es die Familie – Eltern mit sieben Kindern –zu tun bekommt. Es ist – wie bei Salingers großem Roman – wiederum die Sprache, die nicht lernbare Kunst, Selbstverständliches, Banales, Beiläufiges in Worte, in Sätze zu kleiden, die hinsehen lassen, hinhören lassen die im Grunde simple Vorgänge zu großen Dingen hochstilisieren, die den geneigten Leser nicht mehr loslassen.

In der Erzählung „Seymour wird vorgestellt" geht es um den Ältesten der Kinderschar, eben um Seymour, den charismatische Anführer, die Leitfigur innerhalb des mal losen, mal enger geschnürten Familienverbunds, der früh durch eigene Hand aus dem Leben scheidet und den einer der Brüder, Buddy, der Welt vorstellt und erklärt. Meisterlich, faszinierend, berührend.

Um den 2010 91jährig verstorbenen Jerome David Salinger, Sohn eines jüdischen Kaufmanns und dessen Frau schottisch-irischer Abstammung)und seine Lebensumstände rankten sich zeitlebens die wildesten Gerüchte; am Ende lebte er völlig zurückgezogen und abgeschottet, verkörperte für viele den bekanntesten literarischen Eremiten schlechthin. Als Soldat kämpfte er im Zweiten Weltkrieg, nahm an verlustreichen Gefechten auf deutschem Boden teil, die ihn für immer prägen sollten. Seinen Abschied von der Welt nahm er bereits, als er nicht mal fünfzig Jahre alt war, verbunkerte sich in einem festungsartigen Refugium in New Hampshire, drohte mit Anwälten und angeblich auch mal mit der Flinte, wenn er sich in seiner selbstgewählten Isolation gestört fühlte. Er wird unersetzlich bleiben.


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Textauszug:

…… aber zurück zu der Art, wie wir uns als Jugendliche kleideten. Wir fingen an, uns selbst unsere Kleider zu kaufen, unabhängig von Bessie und voneinander, als wir elf oder zwölf waren. Da er der Ältere war, brach Seymour natürlich als erster aus, aber als ich an die Reihe kam, holte ich auf, was ich verpaßt hatte. Ich weiß noch, als ich gerade vierzehn geworden war, ließ ich die Fünfte Avenue wie eine kalte Kartoffel fallen und wandte mich geradewegs dem Broadway zu – besonders einem bestimmen Laden in den Fünfzigern, wo mir das Verkaufspersonal mehr als nur ein bißchen feindselig vorkam, aber immerhin: einen geborenen Elegant erkannten sie auf den ersten Blick.

Als wir im letzten Jahr – 1933 – zusammen beim Rundfunk waren, präsentierte ich mich jeden Tag, wenn wir auftraten, immer in einem blaßgrauen Zweireiher mit dick wattierten Schultern, in einem mitternachtsblauen Hemd mit Hollywood-„Roll“-Kragen und mit der jeweils saubersten von zwei vollkommen gleichen krokusgelben Krawatten, die ich mir für besonders feierliche Gelegenheiten zugelegt hatte. Offen gesagt: seitdem habe ich mich nie mehr in irgend etwas so wohlgefühlt. (Ich glaube sogar, daß einer, der schreibt, seine alten krokusgelben Krawatten nie ganz los wird. Früher oder später tauchen sie in seiner Prosa auf, und er kann verflucht wenig dagegen tun.)

Seymour dagegen suchte für sich immer wunderbar normale Kleider aus.
Der einzige Haken daran war, daß nichts, das er sich kaufte – besonders Anzüge und Mäntel nicht -, ihm je richtig paßte. Er muß möglicherweise halb angezogen, und bestimmt bevor die Schneiderkreide gezückt war, abgehauen sein, sobald sich jemand von der Änderungs-Abteilung ihm näherte. Alle seine Jacken rutschten entweder an ihm hoch oder an ihm runter. Seine Ärmel reichten entweder bis zur Daumenmitte oder nur bis zum Handgelenk. Und seine Hosen saßen fast immer so, daß sie schlimmer gar nicht hätten sitzen können. Manchmal waren sie geradezu furchteinflößend, als wäre ein Gesäß für Normalgröße 40 in eine Hose von Überlänge 86 gerutscht, wie eine Erbse in einem Korb.

Aber es gibt noch andere und schlimmere Aspekte, die hier berücksichtig werden müssen. Sobald er irgendein Kleidungsstück einmal auf dem Leib hatte, verlor er alles irdische Bewußtsein davon – ausgenommen vielleicht, daß er sich auf eine sehr vage, rein physische Art bewußt war, nicht mehr splitternackt herumzulaufen. Und das war nicht einfach nur eine instinktive oder eine anerzogene Antipathie gegen das, was in unseren Kreisen als gutangezogen galt. Ich ging ein- oder zweimal mit ihm zum Einkaufen, und wenn ich jetzt wieder daran denke, meine ich, daß er seine Kleider mit einem milden, mir angenehmen Stolz kaufte – wie ein junger Brahma-Charia oder Hindu-Novize, der seinen ersten Lendenschurz auswählt.

Oh, es war schon eine merkwürdige Angelegenheit. Und außerdem: immer ging irgend etwas mit Seymours Kleidern genau in dem Augenblick, in dem er sie anzog, schief. Er konnte gut seine drei, vier Minuten lang vor der offenen Tür des Kleiderschranks stehen und die ihm gehörende Hälfte unseres Krawattenhalters betrachten, aber (Verflucht, wenn man verrückt genug war, dazusitzen und ihn zu beobachten) man wußte, daß die Krawatte, sobald er seine Wahl getroffen hatte, verhext war. Entweder war der vorgesehene Knoten dann ausersehen, sich zu sperren, wenn er genau in das V zwischen den Kragenspitzen rutschen sollte, meisten kam er ungefähr einen Zentimeter vor dem Kragenknopf zum Stehen – oder, wenn der vorgesehene Knoten heil an die richtige Stelle gelangte, dann wollte es das Schicksal, daß ein Seidenstreifen unerbittlich hinten am Hals unter dem Kragenrand herausschaute, und dann sah es aus wie der Riemen eines Fernglases, das ein Tourist um den Hals trägt.

Aber ich ziehe es vor, diesen unerschöpflichen und schwierigen Gegenstand fallenzulassen. Kurz gesagt, seine Kleider brachten die ganze Familie zu etwas, das Verzweiflung sehr nahekam. Ich habe die Sache wirklich nur sehr en passant beschrieben. Diese Angelegenheit hatte zahlreiche Variationen. Ich könnte nur noch gerade sagen, und dann rasch damit Schluß machen, daß es sehr peinlich sein kann, wenn man an einem Sommertag zur Cocktailstunde im Biltmore-Hotel neben einem Palmenkübel wartet, und der Herr und Meister kommt die Freitreppe heraufgesprungen, hocherfreut, einen zu sehen, hat aber die Schotten nicht ganz dicht.

Gerne würde ich dieses Treppe-herauf-Springen noch für eine Weile verfolgen – daß heißt: ihm blind folgen, ohne mich den Teufel darum zu scheren, wohin es führt. Er nahm alle Treppen springend. Er stürzte hinauf. Selten habe ich ihn eine Treppe anders nehmen sehen. …














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