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Aus der Welt der Literatur



2015-12-01
Eine Buchhandlung auf Reisen (Christopher Morley / Atlantik-Verlag / ISBN 978-3-455-60023-0)

Hier gehört unbedingt der Verweis hin auf den Roman „Das Haus der vergessenen Bücher“ von ebenjenem Christopher Morley (1890 – 1957), das der Gute 1919 veröffentlichte und das im „Literarischen Café“ als Buch des Monats Oktober 2015 vorgestellt wurde. Denn bereits 1917 hatte Morley diese wundervolle Geschichte in seinem Roman „Eine Buchhandlung auf Reisen“ zu erzählen begonnen.

Roger Mifflin, jenes sonderliche rotbärtige, schmächtige Männlein, und Helen McGill, im bisherigen Leben als durchaus leidenschaftliche Bäuerin unterwegs, begegnen einander, als der fliegende Buchhändler seinen vierrädrigen Buchladen just an den der Landwirtschaft abholden, dafür umso mehr der Literatur zugewandten Bruder von Mrs. McGill verkaufen will. Helen McGill zögert nur wenige Augenblicke, tätigt dann selbst das Geschäft und macht sich mit dem seltsamen Gefährt voller Bücher auf und davon, fürs erste den verschrobenen Büchernarren mit an Bord, dem es sichtlich schwerfällt, seinen „Parnassus“, wie er den Bücherkarren nennt, samt „Peg“, mit richtigem Namen Pegasus, dem gutmütigen, dicken, bejahrten Zugpferd, wirklich aufzugeben.

Fortan reist Helen McGill mit ihrer papiernen Fracht durchs Land, lernt allerlei Leute und Bücher kennen und mit diesen zu handeln, vom Neuen Testament über Kochbücher hin bis zu den Klassikern, assistiert und angeleitet von ihrem belesenen Begleiter. Eine munteres Reisepärchen, das da über die Landstraßen zieht und so manches Abenteuer zu bestehen hat um und mit Büchern und den Menschen, denen sie hierbei begegnen. Natürlich kommt der „Professor“, wie der kleine Mann allerorten bezeichnet wird, zwischendurch auch mal abhanden, sieht sogar Gefängnismauern von innen. Und legt sich mit Mrs. McGills Bruder, dem Landwirt wider willen, in einer handfesten Rauferei an.

Ja, und schließlich, es mußte doch so kommen, werden aus den beiden Bücher-Hausierern schließlich Roger und Helen Mifflin, zwei Glückliche unterm Himmel inmitten ihrer Bücherberge und deren Freunde.
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Textauszug:

Ich frage mich, ob in der höheren Bildung nicht auch viel Unsinn steckt. Mir ist noch nie aufgefallen, daß Leute, die über Logarithmen und andere Formen der Dichtkunst Bescheid wissen, deshalb schneller Geschirr abwaschen oder Socken stopfen können. Ich habe, wenn ich Zeit dazu hatte, selber ziemlich viel gelesen und will nichts gegen Leute sagen, die Bücher lieben, aber ich kenne viele Menschen, die einmal tüchtig und praktisch waren, aber durch zu viel feines Druckwerk verdorben worden sind. Wenn ich Sonette lese, bekomme ich auch immer gleich Schluckauf.

Ich , die ich zu meiner Überraschung ein Buch geschrieben habe, wollte niemals Schriftstellerin werden, aber ich glaube, daß die Geschichte von Andrew und mir und wie Bücher unser behagliches Leben zerstörten, unterhaltsam genug ist, um erzählt zu werden. Als Johannes Gutenberg, dessen wirklicher Name (so sagte der Professor) Johannes Gensfleisch war, sich das Geld ausborgte, um seine Druckerpresse aufzustellen, ahnte niemand, wieviel Unheil er damit über die Welt bringen würde. Bevor Andrew Schriftsteller wurde, verlebten wir auf unserer Farm glückliche Tage, und ich hätte sein erstes Manuskript bestimmt im Küchenofen verbrannt, wenn ich damals geahnt hätte, was seine Schreiberei für Unannehmlichkeiten mit sich bringen sollte.

Andrew McGill, der Autor jener Bücher, die alle Welt liest, ist mein Bruder. Mit anderen Worten, ich bin seine Schwester – seine um zehn Jahre jüngere Schwester. Vor Jahren war Andrew Geschäftsmann, aber er begann zu kränkeln und floh – wie so viele Leute in Romanen – aufs Land, oder, wie er sagte: „an den Busen der Natur“. Andrew und ich waren die letzten Nachkommen einer ziemlich erfolglosen Familie. Ich war nahe dran, als allzu gewissenhafte Erzieherin im Sandsteinmeer von New York unterzugehen. Er aber rettete mich davor. Wir kauften mit unseren Ersparnissen eine Farm und wurden richtige Bauern. Wir standen mit der Sonne auf und mit ihr zu Bett. Andrew trug Overalls und bunte Flanellhemden und wurde braun und zäh. Meine Hände wurden durch Seifenlauge und Frost rot und blau; jahrelang sah ich nicht einmal die Reklame eines Kosmetiksalons. Meine Küche wurde zu einem Schlachtfeld, auf dem ich mit zusammengebissenen Zähnen die harte Arbeit lieben lernte. Unseren Lesestoff bildeten Regierungsberichte über Ackerbau, Bücher über Naturheilkunde, Broschüren für den Sämann und Preislisten für landwirtschaftliche Geräte. Wir abonnierten die Zeitschrift „Hof und Heim“ und lasen einander den Fortsetzungsroman vor. Hie und da, wenn wir etwas wirklich Spannendes wollten, lasen wir auch das Alte Testament, so zum Beispiel das heitere Buch Jeremia, von dem Andrew geradezu begeistert war. Die Arbeit auf der Farm brachte nach einiger Zeit tatsächlich Erfolg. Andrew pflegte sich bei Sonnenuntergang an den Zaun zu lehnen, der die Weide umschloss und an der Art, wie seine Pfeife brannte, das Wetter für den nächsten Tag abzulesen.

Wir waren also, wie gesagt, sehr glücklich – bis Andrew den unglückseligen Einfall hatte, der Welt zu erzählen, wie glücklich wir waren …..





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