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Aus der Welt der Literatur



2014-09-26
Wo das Meer beginnt (Bodo Kirchhoff / Frankfurter Verlagsanstalt / ISBN 3-627-00115-X
Auch wenn er es schon mal auf die sogenannte „Longlist“ des Deutschen Buchpreises geschafft hat, gehört Bodo Kirchhoff zu den unterschätzten und eher weniger beachteten deutschsprachigen Autoren. Und dabei versteht er zu schreiben, kann noch richtig schreiben, gebildet schreiben, so wie Autorinnen und Autoren zu schreiben vermögen, die nicht nur egozentrisch auf ihren ureigensten, dabei häufig so bedeutungslosen Mikrokosmos fixiert sind, die sich nicht in „Lakonie“ flüchten, weil sie anderes nicht zustandebringen können. Er erdreistete sich zudem noch, das System der Buchpreisverleihungen in Frage zu stellen, indem er – natürlich erfolglos – den unerhörten Vorschlag machte, künftig Literaturpreise zu vergeben, indem die Preisverleihungskomitees anonym eingereichte Texte zu bewerten haben, ohne daß sie auf irgendwelche Angaben zu Verlag, Autorin oder Autor zurückgreifen können

Zweifellos zieht sich unübersehbar Erotik durch Kirchhoffs Werke, dazu bekennt er sich, dazu steht er, doch im Gegensatz zu den meisten seiner gegenwärtigen Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft kommt er ohne die Gossensprache aus, das Vokabular der „F“-Wörter ist seinen Texten – bis auf wenige Ausnahmen – ziemlich fremd.

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„Wo das Meer beginnt“ ist die Geschichte um einen ominösen Liebesakt zwischen zwei Heranwachsenden - Mädchen und Junge - im Keller des Gymnasiums, um die sich auflösende Trennlinie zwischen einvernehmlicher Überwältigung und einseitiger Anwendung von Gewalt. Lehrerzusammenkünfte folgen, ein dem Schüler zugewandter Lehrer rettet ihn vor dem Schulverweis, nach Jahren trifft man sich wieder, der inzwischen erwachsene ehemalige Pennäler und sein gealterter Lehrer lassen in langen Gesprächen das damalige Geschehen wieder aufleben, wobei der Lehrer ungleich mehr von sich und dem gelebten Leben preisgibt als sein Schüler, den eigentlich er zum Reden zu bringen versuchen wollte.




Textauszug:


… „Euch allen erteile ich gewissermaßen eine Lektion, aber besonders Blum, den man seit dem Scheitern seiner Beziehung zur Cordes abends am Main gegen den Tod anlaufen sieht, als ob wir wüßten, wann jene hundert Tage des längeren Lebens, für die wir unsere Herzen schinden, beginnen. War wir auch tun, es bringt uns immer dem Tod ein Stück näher; aber einiges, Haberland, und davon erzähle ich hier, gibt uns immerhin das Gefühl, dem Leben etwas mehr abgerungen zu haben, einen Brocken von dem, was es als Ganzes nur auf der Leinwand gibt.“
Der Doktor blieb einen Augenblick stehen und sah auf die Spur seiner Wanderung, eine Ellipse wie die Bahn des Mondes, nur daß der Mond kein Blut verlor und ich nicht die Erde war, sondern ein Zuhörer, aber damit war wohl schon das Gesetz der Schwerkraft erfüllt.
„Ihr war kalt, und sie nahm sich die Wolldecke“, fuhr er im Weitergehen fort, „ich legte mich neben sie und ergriff ihre Hände, und jeder Finger erteilte mir, als ich ihn küßte, eine Art Vollmacht für das weitere Vorgehen. Sie überraschte mich, unsere Leiterin der Theater-AG, die so still war während der Konferenz über dich, still neben mir saß und sich nichts anmerken ließ von all ihrer Unruhe; das Geräusch rangierender Güterwagen hat dann den ersten Akt, den unserer Hände, beendet. Beide lagen wir nun auf der Seite, einander zugewandt, und ich begann damit, ihr das bißchen Wäsche herunterzuschälen, gegen einen Widerstand, der mir mehr instinktiv erschien als prinzipiell, ein schlichtes Bestreben nach mehr Zeit oder überhaupt nach Zeit – der Zeit, die mir davonlief, so daß ich ihn brach, diesen Widerstand, wobei gar nicht das Recht des Stärkeren galt, nur das der stärkeren Idee, der unserer beider Nacktheit.

Am Ende hatte sie bloß noch die Brille auf, hinter den Gläsern aber die Augen zu, und doch fühlte ich mich unter Beobachtung und nahm ihr die Brille ab; wenn es eine Steigerung von Nacktsein gibt, dann trat sie in dem Moment ein. Ich berührte ihr Gesicht, und trotz der Kühle im Raum warf sie die Decke ab und rollte sich auf den Rücken, Beine leicht angezogen, Hände bequem auf dem Schenkeln, und ich mußte ihr nicht erklären, wie schön oder jung sie war, ich mußte ihr nur erklären, wie verrückt sie mich machte, wie geil, Haberland, und jetzt solltest du dir vorstellen, dieses Wort, das eben fiel, zum ersten Mal gehört zu haben … Kristine lag da, und ich war verrückt nach ihr, ein verrückter alter Lehrer – geil vor Glück, damit kein Mißverständnis aufkommt -, und dementsprechend nervös, ein Nervenbündel. Denn Glück im Bett oder auf Luftmatratzen, Haberland, hängt an seidenen Fäden, mit allerlei Dunklem am anderen Ende: Keiner nimmt die Glanzpunkte seiner Biographie an solche Plätze mit, das sagte ich schon. Und wie sehr du dich auch anstrengst, mit Küssen und Worten, es wird dir nie gelingen, aus der verzweifelten Suche nach einem Schließmuskel einen reinen Akt der Liebe zu machen, das sage ich jetzt erst. Aber zurück zum Geschehen. Sie zeigte mir, in aller Ruhe, ihren Schoß, und auch für mich galt es, Ruhe zu bewahren, nämlich eins nach dem anderen zu tun, mit dem Ziel, sie zu lieben, ohne mich aufzulösen. Und es wäre nun ein leichtes, einfach den weiteren Ablauf zu schildern, nur käme dabei nichts heraus, fürchte ich, außer den Worten, die immer intakter sind als ihr Inhalt, die kaum vom Riß in der Logik meiner Welt und Kristines Welt erzählten, bewirkt durch unser Nacktsein.
Keine der Regeln unter Kollegen, die noch am Abend gegolten hatten, besaß weiter Gültigkeit, sie waren alle außer Kraft, weil nur noch eine Kraft alles bestimmt hat, die des Moments, der uns beide zusammentrieb, als säße jedem, ihr und mir, das ganze verrinnende Leben im Nacken – von Panik zu sprechen wäre also viel richtiger als von Liebe, auch wenn diese Panik das Glück selbst zu sein schien, kaum zu halten wie ein übergroßer Ball. Du krallst dich in ihn hinein, um ihn nicht zu verlieren, du setzt jeden Zoll deiner Haut ein, und von ihrer Seite war dieses Krallen keine Sache der Hände oder gar spitzer Nägel, es war eine Sache der Beine, und sie geschah wie im Schlaf. Auf einmal hob sich ihr Schenkel und kam mit seiner Innenseite warm an meine Rippen, als ein Aufgehen der Beine als Reflex der Bereitschaft, ursprünglich vorgesehen für den Erhalt der Gattung; ein Reflex, der aber zwischen uns beiden – die wir alles wollten, außer uns bei der Gelegenheit zu vermehren – nichts als ein Wink war, ein Wink mit dem weichen Pfahl ihres Beins.

Und von da an war alles einfach, allerdings nicht zu verwechseln mit ungefährlich. Ich schob ihr eine Hand unter die Kniekehle, was etwas mehr als ein Reflex war, eine Zärtlichkeit nach dem Prinzip des Hebels, während Kristines Mund an mein Ohr kam und sie meinen Namen aussprach, eingebettet in eine Reihe anderer Wörter, die sie sich aus dem Sommernachtstraum geborgt hat, aus eurer Szene, Haberland, aber nicht nur, auch von den frechen Kerlen des Stücks, von Oberon und seinem Droll, Ho, ho, du Memme, warum kommst du nicht … Sie wollte mich und bot mir die Stirn und den Schoß, sie ging aufs Ganze und verlangte dasselbe von mir, wie sie es auch von euch verlangt hatte, das Spiel mit der künstlichen Wand und dem Loch war nie ein Spiel. Halte mich, rief sie, ich aber drehte sie auf den Bauch und hielt mich vielmehr an ihr, ein einziges Klammern an Schultern und Haar, bis ich über ihr lag, den Rücken bedeckte, und wir uns dennoch ansahen, wenn du dir das vorstellen möchtest – ihr Gesicht lag auf der Seite, Wange und Auge im rechten Winkel zu meinem Gesicht, ihr Mund so nah an mir, daß mich sein Atem erreichte.





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