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Aus der Welt der Literatur



2014-06-13
Der Junge (J. M. Coetzee / S. Fischer-Verlag / ISBN 3-596-14837-5)

Einige Bücher J. M. Coetzees sind unübersehbar autobiographisch angelegt, so auch "Der Junge" (Originaltitel "Boyhood. Scenes from Provincial Life“, das er 1997 herausbrachte. Der Autor schildert darin schnörkellos, ja, in manchen Passagen erstaunlich sachlich seine Kindheit in Südafrika. Bewundernswert ist seine schonungslose Offenheit, mit der er sich dem Leser preisgibt, eingeschlossen das gestörte Verhältnis zu den Eltern und die sexuellen Nöte und Obsessionen des Heranwachsenden.

John Maxwell Coetzee ist gebürtiger Südafrikaner (9. Februar 1940 in Kapstadt) mit holländischen Wurzeln und gilt als einer der maßgeblichen Autoren des Landes. Die Liste seiner literarischen Ehrungen ist lang; u. a. wurde er zweimal mit dem renommierten „Booker Prize“ ausgezeichnet, erhielt – als Krönung seines Schaffens – 2003 den Literatur-Nobelpreis.
Coetzee studierte Englisch und Mathematik, wurde mit einer Arbeit über Samuel Beckett promoviert. An einigen amerikanischen Universitäten nahm er Lehrtätigkeiten auf, scheiterte mit dem Antrag auf eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, weil er – so heißt es – sich an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg beteiligte. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Australien, in Adelaide.
Seit 1974 ist er schriftstellerisch tätig, wurde gleich mit seinem ersten Werk, das aus zwei Novellen besteht, international bekannt. Zu seinen Arbeiten zählen eine Reihe Essays, auch ein paar Sachbücher, doch seine wahre Stärke zeigt sich zweifellos in seinen vielen Romanen, mit denen er auch seine größten Erfolge erzielte.

Das Folgebuch zu „Der Junge“ trägt den Titel „Die jungen Jahre“ (Originaltitel „Youth“), zu empfehlen für alle, die Coetzees „Der Junge“ etwas abgewinnen können.


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Textauszug:

Er versucht, zeitig zur Schule zu kommen. Er hat gern das Klassenzimmer für sich allein, wandert gern um die leeren Stühle herum, besteigt heimlich das Podium des Lehrers. Aber er ist nie der erste in der Schule: es gibt zwei Brüder aus De Doorns, deren Vater bei der Bahn arbeitet und die mit dem Sechsuhrzug kommen. Sie sind arm, so arm, daß sie weder Pullover noch Blazer noch Schuhe besitzen. Es gibt andere Jungen, die genauso arm sind, besonders in den Afrikaanerklassen. Selbst an eisigen Wintermorgen kommen sie zur Schule in dünnen Baumwollhemden und kurzen Sergehosen, die so eng geworden sind, daß sich ihre schlanken Schenkel kaum darin bewegen können. Ihre sonnengebräunten Beine zeigen kreideweiße Kälteflecken; sie hauchen sich in die Hände und stampfen mit den Füßen; aus ihren Nasen läuft immer der Rotz.

Einmal gibt es eine Kopfgrindeepidemie, und den Brüdern aus De Doorns wird der Kopf geschoren. Auf ihren kahlen Schädeln kann er deutlich die runden grindigen Stellen sehen; seine Mutter schärft ihm ein, den Brüdern nicht nahezukommen.

Er mag lieber enge Shorts als weite Shorts. Die Sachen, die ihm seine Mutter kauft, sind immer zu weit. Er schaut sich gern schlanke, glatte braune Beine in engen Shorts an. Am liebsten mag er die honigbraunen Beine von blonden Jungen. Es überrascht ihn, als er feststellt, daß die hübschesten Jungen in den Afrikaanerklassen zu finden sind, wie dort auch die häßlichsten sind, die mit behaarten Beinen und Adamsapfel und Pickeln im Gesicht. Afrikaanerkinder sind wie farbige Kinder, findet er, unverdorben und leichtfertig, ungezügelt, und dann, in einem gewissen Alter, verderben sie, und ihre Schönheit stirbt in ihnen.

Schönheit und Begierde: Gefühle, die die Beine dieser Jungen, glatt und vollkommen und eigentlich nicht aufregend, in ihm erzeugen, beunruhigen ihn. Was kann man mit Beinen machen; außer sie mit den Augen zu verschlingen? Wozu ist Begierde da?
Die nackten Skulpturen in der „Enzyklopädie für Kinder“ berühren ihn in derselben Weise: Daphne, verfolgt von Apollo; Persephone, geraubt von Hades. Es geht um die Gestalt, um die vollkommene Gestalt. Er hat eine Vorstellung vom vollkommenen menschlichen Körper. Wenn er diese Vollkommenheit in weißem Marmor verkörpert sieht, erschauert er; ein Abgrund tut sich auf; er ist nahe daran zu fallen. Von allen Geheimnissen, die ihn von den anderen trennen, ist das vielleicht das schlimmste. Unter all den Jungen ist er der einzige, in dem dieser dunkle erotische Strom fließt; mitten in der Unschuld und Normalität ist er der einzige, der Begierde fühlt.
Aber die Sprache der Afrikaanerjungen ist unglaublich schmutzig. Sie verfügen über eine Palette obszöner Wörter, mit der er bei weitem nicht konkurrieren kann und die mit „fok“ und „piel“ und „poes“ zu tun haben, Wörtern, vor deren einsilbiger Schwere er sich schaudernd abwendet. Wie schreibt man die? Wenn er sie nicht schreiben kann, hat er keine Möglichkeit, sie im Geist zu zähmen.




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