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Aus der Welt der Literatur



2013-11-03
Die Flucht ohne Ende (Joseph Roth / Kiepenheuer & Witsch / ISBN 978-3-462-03634-3)

Er ist einer der ganz Großen der deutschsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Und obwohl er schon 1939 starb, sind seine Romane, seine Erzählungen, seine Novellen und Essays unvergessen. Noch immer wird er gelesen, noch immer spricht man von ihm, noch immer verkaufen sich seine Bücher in immer neuen Auflagen. Das, worüber und wovon er erzählt, die Geschichten, die Personen, die er handeln läßt, stammen fast alle aus der Zeit, die er selbst erlebt hat. Deshalb wollen auch jene Stimmen nicht verstummen, die in zahlreichen Werken mehr oder weniger ausgeprägte autobiographische Anleihen zu entdecken glauben.

Warum faszinieren seine Texte bis heute, obwohl alles, was er schreibt und beschreibt, schon so lange zurückliegt? Roth liefert den überzeugenden Beweis dafür, daß es schließlich einzig und allein die Sprache ist, die eine Ansammlung von Sätzen erst zu Literatur macht, der Schreibstil, die Empathie, die ohne besondere Herausstellung über und in allem liegt und wie ein unhörbarer Ton mitschwingt. Es gibt kein Buch von Roth, das man am Ende weglegt, ohne eine Weile innezuhalten. So auch der Roman „Die Flucht ohne Ende“, der 1927 erschien und die Geschichte des österreichischen Offiziers Franz Tunda erzählt, dessen noch junges Leben von den Wirrnissen des Ersten Weltkriegs und der russischen Revolution heimgesucht wird, die ihn bis in die sibirische Einsamkeit verschlägt. Nach russischer Kriegsgefangenschaft, der er entkommt, nach Kämpfen für die Weißgardisten wie für die Rotgardisten, in deren Hände er fällt, nach Männerfreundschaft und ein paar Liebschaften mit Frauen, steht er am Ende mit leeren Händen vor sich selbst und vor dem Leben, das noch auf ihn wartet.

Joseph Roth (1894 – 1939) wurde als Sohn jüdischer Eltern im galizischen Brody (heute Ukraine) geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Lemberg und Wien. Während des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zu den Waffen, geriet am Ende in russische Gefangenschaft. Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist bei unterschiedlichen Blättern, so auch für den „Vorwärts“, dem Organ der Sozialdemokratischen Partei, für die „Frankfurter Zeitung“, die „Münchener Neueste Nachrichten“ oder auch das „Prager Tageblatt“. In den zwanziger Jahren begann er mit dem literarischen Schreiben, veröffentlichte schließlich 1932 sein populärstes Werk „Radetzkymarsch“. 1933 floh er vor den Nationalsozialisten nach Paris, legte Zwischenstationen in Holland, Belgien, in Polen und Österreich ein. 1939, noch vor Hitlers Einmarsch in Polen, starb er in Paris, mittellos, von jahrelangem Alkoholkonsum gezeichnet.


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Die Flucht ohne Ende
(Joseph Roth)

Textauszug:



Die Nacht fiel schnell ein. Wir gingen in ein kleines Hotel, der Wirt erkannte mich, er ist ein levantinischer Jude. Er hält mich für einen einflußreichen Mann und ist wahrscheinlich froh, daß er etwas Intimes von mir weiß. Wahrscheinlich hat er sich vorgenommen, gelegentlich von seinem Geheimnis Gebrauch zu machen.
Es war finster, wir fühlten das Bett, wir sahen es nicht.
„Hier sticht etwas“, sagte sie später.
Aber wir machten kein Licht.
Ich küßte sie, sie zeigte mit dem Finger dahin, dorthin, ihre Haut leuchtete im Dunkel, ich jagte mit zitternden Lippen ihrem hüpfenden Finger nach.
Sie stieg in einen Wagen, sie will morgen Vormittag mit dem Mann und dem Sekretär wiederkommen. Sie wird Abschied nehmen. Sie fahren in die Krim und dann von Odessa nach Marseille.
Ich schreibe dies zwei Stunden, nachdem ich sie geliebt habe. Es scheint mir, daß ich es aufschreiben muß, damit ich morgen noch weiß, daß es wahr gewesen ist.
Soeben ist Alja ins Bett gegangen.
Ich liebe sie nicht mehr. Ihre stille Neugier, mit der sie mich seit Monaten empfängt, erscheint mir tückisch. So wie ein Schweigsamer einen Angeheiterten und einen Beredten aushorcht, so empfängt sie meine Liebe-.
....


.... Es war am 27. August 1926, um vier Uhr nachmittags, die Läden waren voll, in den Warenhäusern drängten sich die Frauen, in den Modesalons drehten sich die Mannequins, in den Konditoreien plauderten die Nichtstuer, in den Fabriken sausten die Räder, an den Ufern der Seine lausten sich die Bettler, im Bois de Boulogne küßten sich die Liebespaare, in den Gärten fuhren die Kinder Karussell. Es war um diese Stunde, da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und frisch, ein junger, starker Mann von allerhand Talenten, auf dem Platz vor der Madeleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt.







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