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Aus der Welt der Literatur



2013-05-09
Das dritte Licht (Claire Keegan / Steidl-Verlag / ISBN3-86930-609-4)

Ein heranwachsendes Mädchen, verbringt seine Sommerferien bei entfernten Verwandten auf dem Lande. Zuwendung, Liebe, Geborgenheit hat es bislang nicht kennengelernt. Der Vater trinkt, die Mutter ist erneut schwanger, beide sind froh, ihr ältestes Kind für ein paar Wochen nicht mehr um sich zu haben, es nicht mehr durchfüttern zu müssen, und wenn es nicht mehr zurückkehrte, wäre es ihnen auch recht. Sie vergessen, ihm Kleider für die Ferien ins Auto zu packen, mit dem sie das Mädchen fortbringen. Dann kommen die Wochen bei den Kinsellas, und das Mädchen erfährt all das, was es bisher entbehren mußte, erlebt Nähe und Zuneigung, die ihm auf eine ganz besondere Weise zuteil werden. Das kinderlose Ehepaar ist eher spröde, es wird viel geschwiegen, die Unterhaltungen sind knapp, und es geht ruhig zu im Haus. Doch die Pflegeeltern kümmern sich um das Mädchen, dessen genaues Alter, dessen Namen man nicht einmal erfährt, in unaufdringlicher, jedoch sehr intensiver Weise, beschäftigen es, beziehen es einfach in ihren Alltag und die damit einhergehenden Verrichtungen mit ein. Es darf keine Geheimnisse zwischen ihnen geben, verkündet gleich zu Beginn die Frau ihrem Ferienkind mit ernstem Gesicht, und genau ein solches indes gibt es, wie sich herausstellen sollte, das auf dem Haus und dem Ehepaar lastet. In aller Stille, doch unaufhaltsam ändert sich die Welt für das Mädchen, sie wird nie mehr so sein, wie sie war.


Claire Keegan (ӿ 1968) ist in Deutschland eine eher noch unbekannte Stimme, gebürtige Irin, die mit ihren bisherigen Veröffentlichungen, die im Steidl Verlag ins Deutsche übersetzt wurden, bereits beachtliche Erfolge feiern konnte. „Das dritte Licht“ ist ihr bis jetzt bekanntestes Werk, für das sie mit dem renommierten „Davy Byrnes Award“ ausgezeichnet wurde. Kein geringerer als Richard Ford machte sich zum Fürsprecher für diese schmale, so eindrückliche Erzählung.

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Textauszug:


Als ich um die Kurve biege und den Punkt erreiche, wo ich nicht hinzublicken wage, sehe ich ihn, wie er das Tor schließt und die Schlaufe über den Pfosten schiebt. Er hält den Blick gesenkt und scheint seine Hände zu betrachten, zu beobachten, was er tut. Meine Füße hämmern den groben Kies entlang, über den kargen Grasstreifen in der Mitte unserer Auffahrt. Jetzt gibt es nur noch eins, was mir wichtig ist, und meine Füße tragen mich dorthin. Sobald er mich sieht, hält er inne und rührt sich nicht. Ich zögere nicht, sondern renne weiter auf ihn zu, und als ich ihn erreiche, steht das Tor wieder offen, ich fliege in seine Arme, und er hebt mich hoch. Lange Zeit hält er mich fest umschlossen. Ich fühle mein Herz klopfen und meinen Atem jagen, dann beruhigen sich mein Herz und mein Atem unterschiedlich. Irgendwann, es fühlt sich sehr viel später an, weht ein jäher Windstoß durch die Bäume und schüttelt große, dicke Regentropfen auf uns herab. Ich habe die Augen geschlossen und kann ihn spüren, die Wärme seines Körpers, die durch seine guten Kleider dringt. Als ich die Augen endlich wieder öffne und über seine Schulter blicke, sehe ich meinen Vater. Er kommt auf uns zu, mit kräftigen, stetigen Schritten, den Gehstock in der Hand. Ich klammere mich an ihn, als würde ich ertrinken, wenn ich losließe und lausche auf die Frau, in deren Kehle sich Weinen und Schluchzen abzuwechseln scheinen, als weine sie jetzt nicht mehr nur für einen, sondern für zwei. Ich wage es nicht, die Augen offenzuhalten, und tue es doch, starre an Kinsellas Schulter vorbei die Auffahrt hinauf und sehe, was er nicht sehen kann. Wenn ein Teil von mir aus tiefstem Herzen wieder heruntergelassen werden will, der Frau, die sich so gut um mich gekümmert hat, sagen will, daß ich es nie, niemals verraten werde, so hält mich etwas noch Tieferes in Kinsellas Armen fest.
„Daddy“, rufe ich ihn, warne ich ihn. „Daddy.“



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