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Aus der Welt der Literatur



2012-11-21
Der Mensch erscheint im Holozän (Max Frisch / Suhrkamp / ISBN 3518372343)

Zu Max Frisch (1911 - 1991) muß man wohl nichts mehr sagen, wohl nichts mehr ausführen über sein Leben, über sein Schaffen.
„Ich möchte noch einmal ‚Stiller’ zum ersten Male lesen können“, beklagte Siegfried Unseld schmerzlich, als Max Frisch 1991 starb. Wobei „Stiller“ stellvertretend für viele Werke und Stücke steht, die unter Frischs Feder entstanden.

Natürlich hat Unselds Satz Gültigkeit für alles, was an wahrer Literatur rund um den Erdball erschienen ist. Mit diesem Unseld-Satz ist all das ausgedrückt, was Literatur ausmacht, was literarische Texte auszeichnet.

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Erdgeschichtlich erscheint der Mensch im „Holozän“, als Gattung, namenlos. Als Individuum haust er seitdem auf der Erde und am Ende seines Lebens geht er wieder, zumeist ohne große Spuren zu hinterlassen, auf sich alleingestellt, mitunter auch barmherzig vom Schwinden der Sinne umarmt.

Frisch erzählt von einem gealterten Mann, den es aus der Großstadt in ein einsames Bergdorf verschlagen hat. Für die Rückkehr ist es längst zu spät, die Tage verlaufen in eintönigem Gleichmaß, nach den Regeln angewöhnter Rituale und Gewohnheiten. Allmählich entgleitet Herrn Geiser, so hat Frisch den vergreisenden Mann getauft, die Gegenwart. Herr Geiser spricht mit sich selbst, überlegt mit sich selbst, seine Gedanken springen unstrukturiert und unstet umher. Was weiß er noch von sich, was nimmt er noch bei Verstand von seinem Schicksal wahr? Erschreckender kann man die Vereinsamung, das unaufhaltsame Heraustreten eines Menschen aus seinem Leben kaum beschreiben.




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Textauszug:


Was Corinne wissen will: warum die geschlossenen Fensterläden, wozu die vielen Zettel an der Wand, warum ein Hut auf dem Kopf.

Das ist heute.

Offenbar sind die Männer wieder gegangen, sie haben die Haustüre nicht gerammt, es ist nicht nötig gewesen, da Corinne einen Schlüssel hat.

Warum redet sie wie mit einem Kind?

Es gäbe noch vieles an die Wände zu kleben, wenn es nicht zwecklos wäre, weil das Klebeband ,„MAGIC TAPE“, nichts taugt; ein Durchzug, wenn Corinne die Fensterläden öffnet, und die Zettel liegen auf dem Teppich, ein Wirrwarr, das keinen Sinn gibt.

Zucker ist keiner mehr da.

Als sie Tee kocht, hat Corinne noch nicht einmal ihren Mantel ausgezogen. Der Schwiegersohn in Basel, der immer alles besser weiß, lasse grüßen.

Es wird nie eine Pagode -

Das weiß Herr Geiser.

Aber Knäckebrot ist noch da.

Eine Trockenmauer ist gerutscht, Geröll im Salat, und die Straße ist gesperrt gewesen, das alles hat Corinne schon gehört.

Es gibt nichts zu sagen.

Das Augenlid ist gelähmt, der Mundwinkel auch, Herr Geiser weiß es, dagegen hilft auch kein Hut auf dem Kopf.

Heute scheint die Sonne.

Was man mit den Zetteln machen soll?

Als sie den Tee bringt, hat Corinne feuchte Augen, was sie nicht zu wissen scheint, sie lächelt dazu wie eine Krankenschwester und redet zu ihrem Vater wie zu einem Kind.

Das Geländer ohne Handlauf -

Die zerschnittenen Bücher -

Die Ameisen, die Herr Geiser neulich unter einer tropfenden Tanne beobachtet hat, legen keinen Wert darauf, daß man Bescheid weiß über sie, so wenig wie die Saurier, die ausgestorben sind, bevor ein Mensch sie gesehen hat. Alle die Zettel, ob an der Wand oder auf dem Teppich, können verschwinden. Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.







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