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Aus der Welt der Literatur



2011-12-27
Der Knabe im Moor (Annette von Droste-Hülshoff)

Wie so vielen großen Frauengestalten der Literatur, so blieb auch Annette von Droste-Hülshoff eigenes Lebensglück versagt. Vielleicht ist das eine der wichtigen Voraussetzungen, um Lyrik und Prosa der Droste-Hülshoffschen Art und ihrer Schwestern im Geiste niederschreiben zu können. Schwermut, Lebensangst und tiefste Naturverbundenheit ziehen sich durch fast alle ihre Texte, in denen Gedichte und Balladen die Prosastücke bei weitem überwiegen. „Der Knabe im Moor“ und „Das Hirtenfeuer“ kennt fast jeder Literaturinteressierte, ebenso die bewegende Novelle „Die Judenbuche“. Das Münsterland, ihre Heimat, ist noch heute vielerorts geprägt von düsteren Mooren. Ihre oftmals furchteinflößende Existenz, die mit ihnen einhergehenden Legenden und Sagen und auch wahren Geschichten ließen Annette von Droste-Hülshoff zeitlebens nicht los, prägen ihr Wirken in unübersehbarer, unnachahmlicher Weise.

Annette von Droste-Hülshoff (12. Januar 1797 – 24. Mai 1848) zählt wohl zu den bemerkenswertesten Schriftstellerinnen der Romantik, obgleich sie zu keiner Zeit das große Ansehen und die Anerkennung erreichen konnte, wie sie den damaligen Größen dieser literarischen Epoche zuteil wurden. Sie kränkelte von früh an, war nie verheiratet, verbrachte ihre Kindheit auf der Wasserburg ihrer adeligen Eltern in der Nähe von Münster. Sie begehrte niemals richtig auf, fügte sich scheinbar ohne Widerspruch in das Los, das ihr als Adeligen-Tochter zu jener Zeit im stark vom Katholizismus geprägten Westfalen von Beginn an beschieden war. Zwar entwickelte sie Gefühle für den einen oder anderen Mann, der ihr begegnen sollte, doch die jeweiligen Umstände brachten es mit sich, daß es zu keiner engeren Verbindung kam. Herbe Enttäuschungen gesellten sich hinzu, so daß sie sich schließlich völlig zurückzog, Westfalen verließ und sich zu Bekannten an den Bodensee begab, wo sie fortan lebte. Dort – auf dem Friedhof in Meersburg – liegt sie auch begraben.

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Der Knabe im Moor
(Annette von Droste-Hülshoff)


O schaurig ist´s, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O schaurig ist´s, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor`,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe spring wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war´s fürchterlich,
O schaurig war´s in der Heide!




(Aus "Droste-Hülshoff" - Werke in einem Band - / Aufbau-Verlag / ISBN 3-351-00674-8)








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