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Aus der Welt der Literatur



2011-10-19
Post aus Hawaii (Mark Twain / Dumont Buchverlag / ISBN 978-3-8321-6144-6)

Mark Twain (1835 – 1910), amerikanischer Staatsbürger, mit richtigem Namen Samuel Langhorn Clemens, ist nicht nur der Schöpfer von Huckleberry Finn und Tom Sawyer, die ihn schließlich weltberühmt machten, sondern er veröffentlichte darüber hinaus zahlreiche Erzählungen, Essays, Sketche und weitere Romane. Er begann als Journalist, errang dabei Aufsehen mit kritischen Artikeln über Mißstände und soziale Verwerfungen, geißelte respektlos Machtgier und Korruption, wo er sie antraf. Dabei verstand er es meisterhaft, seine Kritik mit humorvollen, satirischen Texten oder leiser Ironie zu bemänteln, ohne jeden belehrenden, missionierenden Ton, der oft das Gegenteil dessen bewirkt, was mit ihm beabsichtigt ist. Im Grunde seines Herzens war Mark Twain immer Anwalt der kleinen Leute.

Als Journalist, bevor er sich verstärkt dem Bücherschreiben zuwandte, verfaßte er unter anderem Reiseberichte über seine vielen Reisen, darunter auch Schiffspassagen nach Hawaii, das damals noch ein selbständiges, unabhängiges Königreich war. Von diesen langen Hawaii-Reisen und ihren oftmals sonderlichen und skurrilen Begebenheiten handelt „Post aus Hawaii“ (Originaltitel: „Mark Twains Letters from Hawaii“), zusammengestellt aus Twains seinerzeitigen Briefen an die Redaktion der Zeitung, für die er arbeitete.

Manchmal scheint er zu spotten, aber es ist kein beleidigender Spott, keine Herabsetzung der Menschen, die er dem Leser nahebringt, eher ist es eine liebevolle, nachsichtige, verständnisvolle Beschreibung ihrer Marotten und Kauzigkeiten, wie sie wohl damals nicht anders sein konnten an diesem Ort der Welt. Vergessen wir nicht: wir lesen über Dinge aus der Zeit um die Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts!


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Textauszug:



(Mark Twain über seine Beobachtungen und Wahrnehmungen im hawaiianischen Parlament, die er in einem Brief vom 23. Mai 1866 festhält.)


Dieses Parlament ist wie alle anderen Parlamente. Ein Holzkopf steht auf und macht irgendeinen vollkommen absurden Vorschlag, wonach er und ein halbes Dutzend anderer Holzköpfe die Sache eine Stunde lang mit geschwätziger Leidenschaft durchdebattieren, während die anderen Abgeordneten seelenruhig abwarten, bis ein vernünftiger Mann – ein einflußreicher Mann – eine große Nummer – sich erhebt und die Torheit der Angelegenheit in fünf Sätzen darlegt. Dann wird abgestimmt und der Antrag zurückgestellt. Einmal machte ein Insulaner, der von irgendeinem kahlen Felsen über den weiten Ozean hierher gepaddelt war, ein Kümmerling, der zu Hause nicht mehr als ein Paar Socken und einen Zylinderhut am Leibe trug oder, wenn es ihm beliebte, sogar noch unzureichender gekleidet war, den ernstgemeinten Vorschlag, man solle den Bau einer über hundertfünfzig Meilen langen Hängebrücke zwischen den Inseln Oahu und Hawaii genehmigen!

Er meinte, die Eingebornen würden eine solche Brücke den Fährschiffen vorziehen und würden zudem auf der Brücke nicht seekrank werden. Sofort sprangen die ehrenswerten Abgeordneten Ku, Kulaui, Kaukau und Kiahu und eine Schar weiterer Schnattergänse auf und machten sich zu allen Aspekten dieser bemerkenswerten inländischen Verbesserung tiefschürfende Gedanken, bis eine Vernunftsperson aufstand und die Diskussion abwürgte, indem sie den Übergang zur Tagesordnung beantragte. Seien wir aber nicht so ungerecht, uns einzubilden, die Legislative Hawaiis würde größere Dummheiten anstellen als andere vergleichbare Institutionen. Schämen wir uns lieber, daß einst, als es in einer Debatte in Wisconsin über das Strafmaß bei Nepotismus ging, ein Abgeordneter aufstand und ernsthaft vorschlug, man solle den Kerl entweder aufhängen oder ihn zwingen, das Mädchen zu heiraten! Ich finde, der Mann mit der Hängebrücke war ein Salomon im Vergleich zu diesem Trottel..........

...... Parlamentarische Umgangsformen haben überall ein niedriges Niveau, glaube ich. Ich habe hier keine Ausnahmen von der Regel gefunden. Jedermann, vom Ranghöchsten bis hinab zum pockennarbigen Saaldiener, raucht während der Sitzung. Kuhdorfabgeordnete – ich sollte sie vielleicht lieber Taro-Bauern-Abgeordnete nennen – legen ihren Kopf seitlich auf das Pult, verschränken die Arme darunter und halten zwischendurch ihre Schläfchen. Ich weiß, daß sie ihre Füße manchmal auf den Tisch legen, konnte sie aber nicht persönlich dabei ertappen. Immerhin habe ich gesehen, wie sie Zwieback und Käse aßen und mache ihnen deswegen keine Vorwürfe, weil sie lange, ermüdende Sitzungen hatten – von elf bis vier Uhr, ohne eine Pause. Mit Bedauern muß ich feststellen, daß ihre Umgangsformen ein Quentchen besser sind als jene der frühen Bürgerratsversammlung von Washoe. Eines der Mitglieder dort hieß „Horse Williams; er wuchtete stets seine gewaltigen Galoschen aufs Pult, machte es sich dahinter bequem und verzehrte während des Gebets des Kaplans genüßlich eine Runkelrübe.



(Wie schon angemerkt: Twain schrieb das Ganze vor 150 Jahren. Gut, gut, man sollte Vergangenes nicht nach vorne kehren, die damaligen Geschichten nicht unbedingt auf das Hier und Heute übertragen. Doch seien wir ehrlich. Hat sich seitdem wirklich viel geändert? Wirklich?





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