Die faszinierende Welt des Wortes
Aus der Welt der Literatur
Ihr Text
Ihre Favoriten
Top-Ten der Belletristik
Buch des Monats
Kontakt
Links
Autoren-Werkstatt
Kritikus
In eigener Sache
Login



Aus der Welt der Literatur



2011-07-19
Der Liebhaber (Marguerite Duras / Suhrkamp / ISBN 3-518-38129-6)

Als der Roman 1984 in Frankreich erschien, löste er zunächst einen Skandal aus, handelt das Buch doch ganz wesentlich von der sexuellen Beziehung eines minderjährigen französischen Mädchens mit einem zwölf Jahre älteren Mann aus reichem chinesischem Hause. Ort des Geschehens ist Indochina (heutiges Vietnam), wo Marguerite Duras am 4. April 1914 (in Saigon) geboren wurde. Vielleicht wollen auch deshalb die Stimmen nicht schweigen, die einen zumindest teilweise autobiographischen Hintergrund in der erzählten Geschichte zu erkennen glauben.
Der Roman erwies sich als äußerst erfolgreich, wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft und auch verfilmt.

Marguerite Duras hinterließ bei ihrem Tod (3. März 1996 in Paris) ein ansehnliches künstlerisches Erbe mit mehr als sechzig literarischen Arbeiten (darunter Theaterstücke, Filmdrehbücher, Romane und Hörspiele) und annähernd zwanzig Filmen; Weltruhm errang sie hierbei mit ihrem Drehbuch zu dem Film „Hiroshima mon amour“. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs soll sie Kontakte zur Resistance unterhalten haben, gehörte ein paar Jahre der Kommunistischen Partei an, bevor sie wegen ihres unangepaßten, kritischen Verhaltens ausgeschlossen wurde.

-------------------------------------------------------------




Textauszug:


Sie reden nie mehr davon. Es ist eine beschlossene Sache, daß er bei seinem Vater nicht mehr darum betteln wird, sie heiraten zu dürfen. Daß der Vater keinerlei Mitleid mit seinem Sohn haben wird. Er hat Mitleid mit niemandem. Von allen chinesischen Emigranten, die den Handel der Station beherrschen, ist der mit den blauen Terrassen der furchtbarste, der reichste, der, dessen Besitztümer sich am weitesten über Sadec hinaus erstrecken, bis nach Cholen, der chinesischen Hauptstadt von Französisch-Indochina. Der Mann von Cholen weiß, daß der Entschluß seines Vaters mit dem des Kindes übereinstimmt, daß er unwiderruflich ist. Allmählich fängt er an zu begreifen, daß die Abreise, die ihn von ihr trennen wird, das Glück für ihre Geschichte ist. Daß dieses Mädchen nicht für die Heirat geschaffen ist, daß es jeder Ehe entfliehen würde, daß man es verlassen, vergessen, den Weißen zurückgeben muß, seinen Brüdern.

Seit er ihren Körper so wahnsinnig liebte, litt das Mädchen nicht mehr an ihm, an seiner Winzigkeit, und seltsamerweise machte sich auch die Mutter nicht mehr Sorgen wie früher, als hätte auch sie gemerkt, daß dieser Körper letzten Endes annehmbar, in Ordnung war, wie jeder andere auch. Er, der Liebhaber von Cholen, glaubt, daß das Wachstum der kleinen Weißen durch die allzu starke Hitze gelitten hat. Auch er ist hier in dieser Hitze geboren und aufgewachsen. Er entdeckt diese Verwandtschaft mit ihr. Er sagt, all die Jahre, die sie in diesen unerträglichen Breitengraden verbracht habe, hätten aus ihr ein Mädchen von Indochina gemacht. Sie habe die feinen Handgelenke der Mädchen hier, ihr dichtes Haar, von dem man meinen könnte, es hätte die ganze Kraft in sich aufgenommen, lang wie ihres, vor allem aber diese Haut, diese Haut des ganzen Körpers, die sich dem Regenwasser verdankt, das man hierzulande sammelt, um Frauen und Kinder darin zu baden. Er sagt, die französischen Frauen hätten im Vergleich dazu eine rauhe, beinahe rissige Haut. Er sagt noch, die kärgliche Nahrung der Tropen, bestehend aus Früchten und Fischen, trage auch das ihre dazu bei. Und auch die Baumwoll- und Seidenstoffe, aus denen die Kleider gemacht sind, weite Kleider allemal, die den Körper kaum berühren, die ihn freilassen, nackt.

Der Liebhaber von Cholen hat sich bis zur Selbstvergessenheit an die Jugend der kleinen Weißen gewöhnt. Die Lust, der er allabendlich mit ihr erfährt, beansprucht seine Zeit, sein Leben. Er spricht kaum noch mit ihr. Vielleicht glaubt er, sie verstünde nicht mehr, was er über sie sagen würde, über diese Liebe, die er zuvor nicht kannte und die ihn sprachlos macht. Vielleicht entdeckt er, daß sie noch nie miteinander gesprochen haben, außer wenn sie sich riefen in den Schreien im Zimmer am Abend. Ja, ich glaube, er wußte es nicht, er entdeckt, daß er es nicht wußte.

Er schaut sie an. Selbst mit geschlossenen Augen schaut er sie an. Er atmet ihr Gesicht. Er atmet das Kind, atmet mit geschlossenen Augen ihren Atem, den warmen Hauch, der ihr entströmt. Immer undeutlicher werden ihm die Grenzen dieses Körpers, er ist nicht wie andere Körper, ist nicht ausgewachsen, in dem Zimmer wächst er noch, er ist noch ohne festgefügte Gestalt, jeden Augenblick im Werden begriffen, er ist nicht nur dort, wo er ihn sieht, er ist auch anderswo, erstreckt sich weiter als das Auge reicht, zum Spiel hin, zum Tod, er ist geschmeidig, er gibt sich ganz und gar dem Genuß hin, als wäre er groß, im gehörigen Alter, er ist ohne Bosheit und von erschreckender Intelligenz.

Ich sah zu, was er aus mir machte, wie er sich meiner bediente, und ich hatte nie gedacht, daß man es in dieser Weise machen könnte, er übertraf meine Erwartung und entsprach der Bestimmung meines Körpers. So war ich zu seinem Kind geworden. Er war auch für mich zu etwas anderem geworden. Ich begann die unbeschreibliche Zartheit seiner Haut, seines Geschlechts jenseits seiner selbst zu erkennen.



<- zurück
Impressum