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Aus der Welt der Literatur



2003-06-21
Der Zwischenfall (Wolfgang Pfeiffer)

Textauszug:

Man hätte den Sand mit den Händen kaum berühren können, so heiß lag er in der glühenden Mittagsonne. Der blaue, wolkenlose Himmel war dunstgetrübt. Es war jener Dunst, der die sengenden Srahlen wie durch einen Verstärker laufen läßt. Wie ein milchig heller Ball stand die Sonne in ihrem Meer aus Dunst und Blau.
Als der Zug an der kleinen Station unerwartet anhielt, legte Velten die illustrierte Zeitschrift, in der er bis zu diesem Augenblick geblättert hatte, beiseite. Er lehnte den Kopf an die gepolsterte Stütze und blinzelte müde zu den Lichtflecken auf den Boden hinunter. Dann musterte er die Löcher in der Jalousie, durch die helles Licht in das dämmerig abgeschirmte Abteil fiel. Er hätte in diesem Augenblick nicht sagen können, woran er dachte und auch nicht sagen können, was er sah. Wie Nebel umhüllte die Schwüle des Mittags sein Gehirn. Er hörte, wie mit einem Hammer gegen die Räder des Wagens geschlagen wurde.
Nach einigen Minuten Wartens stand er auf. Die Ungeduld dessen, der den vorgeschriebenen Ablauf eines Routineerlebnisses unterbrochen sieht, zeigte sich auf seinem Gesicht. Er ließ die Jalousie in die Höhe schnellen. Hitze und Sonne drangen, als sei eine Schleuse geöffnet, auf ihn ein, überfluteten die gepolsterten Sitze des Abteils.
"Das ist dumm", murmelte er. "Warum fahren wir nicht weiter?"
Er blickte aus dem geöffneten Fenster, sah ein kleines Bahnhofsgebäude, das einstmals hell getüncht gewesen sein mochte, dessen Farbe im Laufe der Zeit aber ins rußige Grau hinübergewechselt war, sah zwei Bahnsteige, die bis auf einen Mann in der Uniform des Bahnpersonals menschenleer waren. Immer noch hörte er die Schläge, die, obwohl sie nur wenige Meter von ihm entfernt gegen den Wagen geführt wurden, dumpf und gedämpft klangen.
"Was ist los?" rief er dem Uniformierten zu.
Aber der Mann in Uniform stand weit von dem geöffneten Fenster entfernt. Er antwortete nicht.
Velten bemerkte ein großes, weißes Schild, auf das mit schwarzer Farbe der Name des Ortes gemalt war. Es war ein fremdländischer Name. Als er ihn gelesen hatte, vergaß er ihn sofort wieder.
Die Ateiltür wurde vom Wagengang her geöffnet. Ein Schaffner trat ein. In gebrochenem Deutsch erklärte er: "Dieser Wagen muß ausrangiert werden. Darf ich bitten, Sie müssen in einen anderen Waggon umsteigen!"
Als Velten auf dem Bahnsteig stand, dachter: "Der Boden hier ist kein Sand. Er ist glühender Staub, nichts als Staub."
Ein Reihe von Reisenden war gleich ihm ausgestiegen, um ein anderes Abteil zu suchen. "Wo sind Zweiter-Klasse-Abteile" fragte jemand. Velten sah, wie der Bahnbeamte die Schultern hob. Es gäbe nur diesen einen Waggon mit gepolsterten Sitzen. Die Bahn würde den Differenzbetrag des Fahrpreises zurückzahlen. Man könne auch bis zum nächsten Zug warten. Velten ging am Zug entlang. Er sah die Abteile vollgepfropft mit erhitzten Menschen. "Lieber im Polster schwitzen als im Schweiß des Nachbarn schmoren", dacht er. Er bückte sich und zog die ein wenig zerknitterte Bügelfalte glatt. Dann wandte er sich an den Mann in Uniform, der neugierig nähergekommen war.
"Wann fährt der nächste Zug?" frage Velten.
Der Mann in Uniform antwortete, als müsse er jedes Wort erst zwischen den Lippen kneten: "Am Abend, Herr."
Einen Augenblick überlegte Velten. Dann winkte er einem Mann, der im Schatten des Bahnhofsgebäudes stand. Der Mann rührte sich nicht. Velten wandte sich erneut an den Uniformierten: "Dort drüben, ist das der Gepäckträger?"
"Ja."
"Er hat mich gesehen. Warum kommt er nicht?"
Der Uniformierte rief dem Mann im Schatten einige für Velten unverständliche Worte zu. Langsam setzte sich der Mann in Bewegung. Bei jedem Schritt wühlten seine staubigen Schuhe eine neue Wolke Staub auf.
"Warum kommen Sie nicht, wenn ich winke?" fragte Velten.
"Ich dachte, Sie wollten lieber weiterfahren", sagte der Mann.
"Bringen Sie den Koffer in die Gepäckaufbewahrung", ordnete Velten an.
"Ich dachte, Sie wollten lieber weiterfahren", sagte der Mann noch einmal. Man hatte nicht den Eindruck, als verbinde er mit dem Wiederholen seiner Worte eine Absicht. Aber er sprach den Satz jetzt langsamer aus.
Velten achtete nicht darauf.



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