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Aus der Welt der Literatur



2010-11-09
Im Westen nichts Neues (Erich Maria Remarque / Kiepenheuer & Witsch / ISBN 978-3-462-02731-0)

Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre an allen Schulen werden, für die Lernenden wie auch für die Lehrenden. Remarque (geb. 1898 in Osnabrück) brauchte ein ganzes Jahrzehnt, um die Schrecken des Ersten Weltkriegs, an dem er teilnehmen mußte, so weit zu verarbeiten, daß er sie niederschreiben konnte. Es ist eine einzige schonungslose Anklage gegen den Wahnsinn des organisierten Tötens und hat – 1929 veröffentlicht – bis in die heutigen Tage nichts, aber auch gar nichts an Aktualität verloren. Wer dieses Buch mit Verstand liest, wird seinen Kindern und Enkeln kein Kriegsspielzeug mehr schenken. Die Ungeheuerlichkeiten, die Metzeleien, die Barbarei eines Krieges, jedes Krieges, können abschreckender kaum mehr erzählt werden. Die Nationalsozialisten warfen das Buch ins Feuer, bürgerten Remarque aus, der Deutschland bereits 1932 verlassen hatte. Er lebte in der Schweiz und den USA, starb 1970 im Tessin.

„Im Westen nichts Neues“ wurde in fünfzig Sprachen übersetzt, brachte es auf eine belegte Auflage von mehr als zwanzig Millionen, hinzu kommen die nicht bezifferbaren Stückzahlen der unlizenzierten Nachdrucke. Man geht davon aus, daß das Werk nach der Bibel das meistgedruckte Buch der Welt ist. Und noch immer wird es nachgefragt.

Doch haben die Menschen daraus gelernt? Betrachtet man die Welt von heute, so muß man daran zweifeln und verzweifeln.

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Textauszug:

Allmählich dürfen einige von uns aufstehen. Auch ich bekomme Krücken zum Herumhumpeln. Doch ich mache wenig Gebrauch davon; ich kann Alberts Blick nicht ertragen, wenn ich durchs Zimmer gehe. Er sieht mir immer mit so sonderbaren Augen nach. Deshalb entschlüpfe ich manchmal auf den Korridor – dort kann ich mich freier bewegen.

Im Stockwerk tiefer liegen Bauch- und Rückenmarksschüsse, Kopfschüsse und beiderseitig Amputierte. Rechts im Flügel Kiefernschüsse, Gaskranke, Nasen, Ohren- und Halsschüsse. Links im Flügel Blinde und Lungenschüsse, Beckenschüsse, Gelenkschüsse, Nierenschüsse, Hodenschüsse, Magenschüsse. Man sieht hier erst, wo ein Mensch übel getroffen werden kann. Zwei Leute sterben an Wundstarrkrampf. Die Haut wird fahl, die Glieder erstarren, zuletzt leben – lange – nur noch die Augen.
- Bei manchen Verletzten hängt das zerschossene Glied an einem Galgen frei in der Luft; unter die Wunde wird ein Becken gestellt, in das der Eiter tropft. Alle zwei oder drei Stunden wird das Gefäß geleert. Andere Leute liegen im Streckverband, mit schweren, herabziehenden Gewichten am Bett. Ich sehe Darmwunden, die ständig voll Kot sind. Der Schreiber des Arztes zeigt mir Röntgenaufnahmen von völlig zerschmetterten Hüftknochen, Knien und Schultern.

Man kann nicht begreifen, daß über so zerrissenen Leibern noch Menschengesichter sind, in denen das Leben seinen alltäglichen Fortgang nimmt. Und dabei ist dies nur ein einziges Lazarett, nur eine einzige Station – es gibt Hunderttausende in Deutschland, Hunderttausende in Frankreich, Hunderttausende in Rußland. Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muß alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, daß diese Ströme von Blut vergossen wurden, daß diese Kerker der Qualen zu Hunderttausenden existieren. Erst das Lazarett zeigt, was der Krieg ist.







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