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Aus der Welt der Literatur



2009-09-20
Die Hexe (aus „Leise flehen meine Tauben“) Georg Kreisler / Fischer Taschenbuch / ISBN 3-596-16946-1

Wann wurde dieser Text geschrieben? Vor vierhundert, fünfhundert Jahren, als die Scheiterhaufen allerorten loderten? Nein. Georg Kreisler (* 18. Juli 1922 in Wien als Sohn jüdischer Eltern), Kabarettist, Komponist, Satiriker, Schriftsteller, Chansonnier, brachte die Verse zu Papier und dann auch zu Gehör. Er wußte, wovon er sprach, war zeitlebens selbst ein Getriebener, ein Außenseiter, floh 1938 mit den Eltern vor den Schergen der Nationalsozialisten über Italien und Frankreich in die Vereinigten Staaten, wurde Amerikaner und erlebte als Soldat den Zweiten Weltkrieg. 1955 zog es ihn wieder nach Europa. Er lebte in Wien, in München, Berlin, in Basel und kehrte inzwischen nach Österreich zurück, wohnt heute in Salzburg.

Die schrecklichen Verse haben kaum an Aktualität verloren, betrachtet man die Welt und deren Umgang mit Minderheiten, mit Fremden, mit Flüchtlingen, mit Andersgearteten. Vermutlich bedürfte es oft nicht vieler Umstände mehr, und die Scheiterhaufen würden mancherorts erneut aufgeschichtet, selbst dort, wo die Zivilisation vermeintlich Einzug hielt.


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Die Hexe
(im Flüsterton zu sprechen)


Die Dame nebenan ist eine Hexe,
das hab ich längst heraus.
Sie malt am Abend kleine weiße Kleckse,
die wir nicht sehen, vors Haus.

Die Hexen, die die Kleckse dort gewahren,
die kommen dann des Nachts in großen Scharen
und sitzen eng beisamm´ bis in der Frühe
und kochen eine fürchterliche Brühe
im Küchenofen drin
von unserer Nachbarin.

Drum hängt der Rauch so tief in unserem Schornstein
und steigt so schwer hinauf.
Und eine Krähe bleibt in der Nähe.
Kinder, paßt auf!

Die Dame nebenan, hab ich erfahren,
die stammt auch nicht von hier.
Sie kam zwar her in ziemlich jungen Jahren,
doch die ist nicht wie wir.

Sie sieht zwar aus wie andere alte Frauen,
doch die ist schlau, drum darf man ihr nicht trauen.
Sie lebt ihr Leben grad so wie wir alle,
doch stellt sie uns damit nur eine Falle.
Denn stets denkt sie daran,
wie sie uns täuschen kann.

Bei Tag, da ist sie freundlich und verbindlich,
doch wer sieht sie bei Nacht?
Bleibt diesem Weibe lieber vom Leibe!
Kinder, gebt acht!

Die Hexe nebenan darf hier nicht bleiben.
So kann´s nicht weitergehen.
Es ist bestimmt nicht leicht, sie zu vertreiben,
und doch, es muß geschehen.

Von jetzt an kehren wir alle ihr den Rücken
und spucken aus, sobald wir sie erblicken,
und schicken ihr ein anonymes Schreiben
und schmeißen ein paar Steine durch die Scheiben,
so lang, bis sie versteht,
wir wollen, daß sie geht.

Doch wenn sie unsere Warnung in den Wind schlägt,
wie finden wir dann Ruh?
Dann ohne Schonung in ihre Wohnung!
Leute, schlagt zu!








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