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Aus der Welt der Literatur



2009-06-06
Die Pest (Albert Camus / Rowohlt / ISBN 3-49922-500-0)

Es gibt Bücher, die nicht vergehen, die niemals ganz aus dem Gedächtnis schwinden. Wie klassische Werke in der Musik. Sie sind unvergeßlich, werden die Menschheit weiter auf nicht absehbare Zeit begleiten. Camus’ „Die Pest“ (1947) gehört zu dieser Kategorie, ist Weltliteratur, wurde verfilmt, auf die Bühne gebracht, ist Pflichtlektüre an Frankreichs Schulen und anderswo.
Eine von der zivilisierten Welt längst überwunden geglaubte Krankheit kehrt zurück, nimmt eine Stadt als Geisel, deren Einwohner daraufhin aus Angst vor einer Ausbreitung der Seuche isoliert und bewacht werden. Unwillkürlich kommt der Gedanke an José Saramagos „Die Stadt der Blinden“ auf.
Camus läßt den Arzt, der sich dem Inferno der Tod und Verderbnis bringenden Krankheit entgegenstellt und sie überlebt, einen jener Gedanken äußern, die ein Buch lesenswert machen, allein eines einzigen Satzes wegen:
„......er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich, daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“

Albert Camus, am 7. November 1913 in Algerien geboren, gehört zu den bekanntesten französischen Autoren des vergangenen Jahrhunderts. Neben „Der Mensch in der Revolte“ zählen der Essay „Der Mythos von Sisyphos“ und "Die Pest" zu seinen bedeutendsten Arbeiten, die sich mit Sinn und Zweck der menschlichen Existenz befassen; Themen, die sein gesamtes literarisches Schaffen fortwährend prägten. 1957 wurde ihm der Literatur-Nobelpreis verliehen.
Camus betätigte sich politisch, erlebte den Zweiten Weltkrieg, in dem er sich in der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer stellte, wurde Zeuge des blutigen Kolonialkrieges um sein Geburtsland Algerien. Er schlug sich auf die Seite der Armen, der Rechtlosen, kämpfte zeitlebens gegen Unfreiheit und Unterdrückung, gegen Knechtschaft und Ausbeutung, gehörte zeitweilig der kommunistischen Partei an, die ihn, als er ihre Dogmen nicht in Gänze teilen wollte, aus ihren Reihen ausschloß.
Am 4. Januar 1960 kam er als Beifahrer bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben.


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Textauszug (Schluß):

Als Rieux zu seinem alten Patienten kam, hatte die Nacht den Himmel ganz verschlungen. Vom Zimmer aus war das ferne Brausen der Freiheit zu hören, und der Alte fuhr mit gewohntem Gleichmut fort, seine Erbsen umzufüllen.
„Sie haben recht, daß sie sich vergnügen“, sagte er. „Unser Herrgott hat vielerlei Kostgänger. Und was macht Ihr Kollege, Herr Doktor?“
Sie hörten Explosionen, doch sie waren friedlich: Kinder ließen ihre Frösche krachen.
„Er ist gestorben“, sagte der Arzt, während er die rasselnde Brust abhorchte.
„Ach“, sagte der Alte ein wenig betreten.
„An der Pest“, fügte Rieux hinzu.
„Ja“, gab der Alte noch einer Weile zu, „die Besten gehen. So ist das Leben. Aber er war ein Mensch, der wußte, was er wollte.“

„Weshalb sagen Sie das?“ fragte der Arzt und versorgte sein Stethoskop.
„Nur so. Seine Worte waren nie leeres Geschwätz. Er gefiel mir einfach. Aber es ist schon so. Die anderen sagen, ‚es ist die Pest, wir haben die Pest gehabt’, und wenig fehlt, und sie würden einen Orden verlangen. Aber was heißt das schon, die Pest? Es ist das Leben, sonst nichts.“
„Machen Sie regelmäßig Ihre Dämpfe.“
„Oh! Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich halte es noch lange aus und werde sie alle sterben sehen. Ich verstehe es, zu leben, ich.“
In der Ferne antwortete ihm ein Freudengeheul. Der Arzt blieb mitten im Zimmer stehen.
„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich auf die Terrasse ginge?“
„Aber nein! Sie möchten sie von oben sehen, was? Wie Sie wollen. Aber sie sind doch immer die gleichen.“
Rieux ging zur Treppe.
"Sagen Sie, Herr Doktor, stimmt es, daß sie den Toten der Pest ein Denkmal errichten wollen?“
„Die Zeitungen sagen es. Eine Säule oder eine Gedenktafel.“
„Das dachte ich mir. Und es wird Reden geben.“
Der Alte lachte ein gurgelndes Lachen.
„Ich höre sie jetzt schon: ‚Unsere Toten....’ und dann werden sie zum Essen gehen.“

Rieux stieg bereits die Treppe hinauf. Der weite, kalte Himmel schimmerte über den Häusern, und hinter den Hügeln wurden die Sterne hart wie Kieselsteine. Diese Nacht unterschied sich nicht wesentlich von jener anderen, da Tarrou und er auf diese Terrasse gekommen waren, um die Pest zu vergessen. Aber heute rauschte das Meer lauter gegen die Klippen als damals. Die Luft war unbeweglich und leicht, frei von dem Salzgeruch, den der laue Herbstwind mit sich trug. Doch das Brausen der Stadt brandete immer noch wellengleich gegen den Fuß der Terrassen. Aber dies war die Nacht der Befreiung, nicht der Auflehnung. In der Ferne ließ ein rötlich-schwarzer Widerschein die Boulevards und die beleuchteten Plätze erraten. In der nun freien Nacht fiel jede Hemmung des Verlangens, und sein Grollen war es, das bis zu Rieux drang.

Aus dem dunklen Hafen stiegen die ersten Raketen der offiziellen Lustbarkeiten empor. Die Stadt begrüßte sie mit einem langen, gedämpften Ausruf. Cottard, Tarrou, seine Frau, alle jene, die Rieux geliebt und verloren hatte, waren vergessen, ob tot oder schuldig. Der Alte hatte recht, die Menschen blieben sich immer gleich. Aber das war ihre Kraft und ihre Unschuld, und hierin fühlte Rieux sich ihnen über allen Schmerz hinweg verwandt.
Damals, inmitten des Jubels, der lange am Fuß der Terrassen widerhallte und desto lauter und anhaltender wurde, je zahlreicher die bunten Sträuße am Himmel aufleuchteten, beschloß Dr. Rieux, den Bericht zu verfassen, der hier zu Ende geht. Denn er wollte nicht zu denen gehören, die schweigen, er wollte vielmehr für diese Pestkranken Zeugnis ablegen und wenigstens ein Zeichen zur Erinnerung an die ihnen zugefügte Ungerechtigkeit und Gewalt hinterlassen; er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich, daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.
Und doch wußte er, daß dies nicht die Chronik des endgültigen Sieges sein konnte. Sie konnte nur das Zeugnis dessen sein, was man hatte vollbringen müssen und was ohne Zweifel noch alle jene Menschen vollbringen müssen, die trotz ihrer inneren Zerrissenheit gegen die Herrschaft des Schreckens und seine unermüdliche Waffe ankämpfen, die Heimsuchungen nicht anerkennen wollen, keine Heiligen sein können und sich dennoch bemühen, Ärzte zu sein.

Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt empordrangen, erinnerte er sich nämlich daran, daß diese Fröhlichkeit ständig bedroht war. Denn er wußte, was dieser frohen Menge unbekannt war und was in den Büchern zu lesen steht: daß der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, daß er in den Zimmern, den Kellern, den Koffern, den Taschentüchern und den Bündeln alter Papiere geduldig wartet, und daß vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben.






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