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Aus der Welt der Literatur



2009-04-03
Die Stadt der Blinden (José Saramago / Rowohlt Taschenbuch / ISBN 3-499-22467-4)

„Science Fiction“, ja, aber in einer anderen als der üblicherweise dargebotenen Genre-Form. Geheimnisvoll ist die Krankheit, die über die Menschen kommt, urplötzlich, unerklärlich, schlägt sie mit einer bislang unbekannten, nie zuvor aufgetretenen Erblindung. Ein Autofahrer vor der Ampel ist der erste, andere folgen, es werden mehr und mehr; am Ende, so scheint es, ist nahezu die ganze Stadt, gar das Land, von der vermutlich ansteckenden Seuche betroffen. Um eine Massenepidemie zu vermeiden, sperrt die Obrigkeit das stetig anwachsende Heer der Blinden in eine leerstehende, verfallende Irrenanstalt, läßt die Unglücklichen durch Soldaten bewachen, versorgt sie nur mit dem Allernotwendigsten an Nahrung, überläßt sie im übrigen vollkommen sich selbst. Was die Blinden nicht wissen: Unter ihnen ist eine, die sehen kann, die immun zu sein scheint gegen die Krankheit, die Frau des Augenarztes, der ebenfalls erblindete....

Saramagos Botschaft besteht wohl darin, daß Menschen selbst unter schrecklichsten, elendsten Umständen am Ende ihre destruktive, unbarmherzige Natur nicht verbergen, nicht zügeln, jene sich vielleicht gerade in extremen Situationen am unverhülltesten Bahn bricht.

Ungewöhnlich, auch – doch nur zu Beginn – gewöhnungsbedürftig ist Saramagos Schreibstil der knappen Sätze, oft atemlos wie Aufzählungen daherkommend, ohne direkte Rede, mit minimalistischer, nach unserem Rechtschreibverständnis häufig bewußt fehlerhafter Interpunktion.

José Saramago (geb. 1922) ist Portugiese, schrieb Romane, Gedichte, Novellen, Dramen, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, erhielt 1998 den Literatur-Nobelpreis. Er war nie bequem, immer auch politisch. Teile seines Werkes gelten der katholischen Kirche als blasphemisch. Zur Zeit Salazars schloß er sich der damals verbotenen kommunistischen Partei an, für die er noch 2004 anläßlich der Europawahlen – vergeblich – kandidierte.



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Textauszug:


Die Frau des Arztes betrat den Saal, schlüpfte langsam zwischen den Betten hindurch, aber sie brauchte gar nicht so vorsichtig zu sein, niemand würde sie hören, auch wenn sie mit Holzpantinen gekommen wäre, und wenn in all diesem Durcheinander ein Blinder sie berührte und merkte, daß es sich um eine Frau handelte, wäre das Schlimmste, was ihr zustoßen könnte, daß sie sich den anderen anschließen mußte, niemandem würde es auffallen, in so einer Situation ist nicht leicht festzustellen, ob fünfzehn oder sechzehn Frauen da sind.

Das Bett des Anführers der niederträchtigen Blinden stand immer noch hinten im Saal, wo sich die Kisten mit dem Essen übereinandertürmten. Die Pritschen daneben waren weggeräumt worden, der Mann bewegte sich gerne ungehindert, ohne über seinen Nachbarn zu stolpern. Es wird einfach sein, ihn zu töten. Während sie langsam durch den schmalen Gang lief, beobachtete, die Frau des Arztes die Bewegungen jenes Mannes, den sie gleich töten würde, vor Lust hatte er seinen Kopf nach hinten gebogen, als wolle er ihr schon seinen Hals entgegenstrecken. Langsam näherte sich die Frau des Arztes, ging um das Bett herum und stellte sich hinter ihm auf. Die Blinde fuhr in ihrer Arbeit fort. Die Hand hob langsam die Schere, die beiden Spitzen ein wenig auseinander, damit sie wie zwei Dolche eindringen konnten. In diesem, dem letzten Augenblick, schien der Blinde jemanden zu bemerken, aber der Orgasmus hatte ihn aus der Welt der gemeinen Empfindungen davongetragen, ihn seiner Reflexe beraubt, Du wirst keine Lust mehr verspüren, dachte die Frau des Arztes und stieß heftig zu. Die Schere drang mit aller Macht in den Hals des Blinden ein, drehte sich um sich selbst, kämpfte gegen die Knorpel und die Membranen an, dann bohrte sie sich weiter vor, bis sie an die Halswirbel stieß. Den Schrei hörte man kaum, es konnte auch das animalische Röcheln eines Mannes sein, der gerade ejakulierte, so wie es bei den anderen der Fall war, und vielleicht war es das, denn in dem Augenblick, in dem das Blut hervorschoß, ihr genau ins Gesicht, empfing die Blinde seinen konvulsivischen Samenerguß im Mund.

Es war ihr Schrei, der die Blinden aufscheuchte, sie hatten genügend Erfahrung mit Schreien, aber dieser war nicht wie die anderen. Die Blinde schrie, sie wußte nicht, was geschehen war, aber sie schrie, woher kam dieses Blut, wahrscheinlich hatte sie, ohne es zu wissen, getan, was sie sich vorgestellt hatte, ihm den Penis mit den Zähnen abgerissen. Die Blinden ließen von den Frauen ab und näherten sich tastend, Was ist los, warum schreist du denn so, fragten sie, doch jetzt legte sich eine Hand auf den Mund der Blinden, jemand flüsterte ihr ins Ohr, Sei still, und dann fühlte sie, wie jemand sie sanft fortzog, Sag nichts, es war eine Frauenstimme, und das beruhigte sie, wenn man überhaupt unter derartigen Umständen von Beruhigung sprechen kann. Der blinde Buchhalter kam vor, er berührte als erster den Körper, der quer über dem Bett lag, fuhr mit den Händen darüber, Er ist tot, rief er nach einem Augenblick aus. Der Kopf hing über die eine Seite der Pritsche, das Blut sprudelte noch hervor, Er ist umgebracht worden, sagt er.

Die Blinden hielten sprachlos inne, sie konnten nicht glauben, was sie hörten, Wie, umgebracht worden, wer hat ihn getötet, Man hat ihm einen riesigen Schnitt durch die Gurgel verpaßt, das muß die verfluchte Nutte gewesen sein, die bei ihm war, wir müssen sie kriegen. Nun bewegten sich die Blinden wieder, langsamer, als hätten sie Angst, auf die Klinge zu treffen, die ihren Anführer getötet hatte, sie konnten nicht sehen, daß der blinde Buchhalter rasch die Taschen des Toten durchsuchte, die Pistole fand und einen kleinen Plastiksack mit einem Dutzend Patronen. Die Aufmerksamkeit der Blinden war plötzlich durch das Geschrei der Frauen abgelenkt worden, die sich schon in Panik aufgerichtet hatten, um zu fliehen, aber einige von ihnen wußten nicht mehr, wo sich der Eingang des Saales befand, gingen in die falsche Richtung und stießen auf die Blinden, diese dachten, sie würden angegriffen, so daß nun im Durcheinander der Körper ein wahrer Hexenkessel entstand. Ruhig wartete die Frau des Arztes im Hintergrund eine Gelegenheit ab zu entkommen, sie hatte die Blinde fest im Griff, mit der anderen Hand hielt sie die Schere, bereit zum ersten Stoß, falls sich ihr ein Mann näherte. Noch war es ein Vorteil für sie, weil der Raum um sie herum frei war, aber sie wußte, daß sie dort nicht lange würde bleiben können. Einige Frauen hatten endlich die Tür gefunden, andere kämpften, um sich aus den Händen, die sie festhielten, zu befreien, eine von ihnen versuchte noch, den Feind zu erwürgen und dem einen Toten einen weiteren Toten hinzuzufügen.




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