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Aus der Welt der Literatur



2009-03-09
Das Spiel ist aus (Sämtliche Gedichte / Ingeborg Bachmann / Pieper Verlag / ISBN 3-492-23985-1)

Oft wird Ingeborg Bachmann (1926 – 1973) in selben Atemzug mit Gottfried Benn genannt. Ihre Schmerzenslyrik, ihre Verzweiflung über die Unvollkommenheit, die Vergeblichkeit und Unzulänglichkeit allen menschlichen Tuns ziehen sich bei ihr wie bei Benn durch das gesamte Werk, finden – wie bei nicht wenigen großen Lyrikerinnen – eine deutliche Entsprechung im eigenen Leben.

Mit siebenundzwanzig Jahren verließ sie, die nach dem Studium über Heidegger promovierte, ihre als Enge empfundene Heimat im österreichischen Kärnten, landete nach einigen Zwischenstationen schließlich in Rom. Sie unterhielt Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch, hatte Affären mit weiteren Männern, doch zu einer dauerhaften Bindung kam es zu keiner Zeit. Ihr Leben währte nur 47 Jahre und endete auf besonders tragische Weise. Sie schlief mit brennender Zigarette ein und erlitt Brandverletzungen, an denen sie nach dreiwöchiger Qual am 17.10.1973 in ihrer Wahlheimatstadt Rom starb. Auf dem Friedhof ihrer Geburtsstadt Klagenfurt liegt sie begraben.





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Das Spiel ist aus
(Ingeborg Bachmann)


Mein lieber Bruder, wann bauen wir uns ein Floß
und fahren den Himmel hinunter?
Mein lieber Bruder, bald ist die Fracht zu groß
und wir gehen unter.

Mein lieber Bruder, wir zeichnen aufs Papier
viele Länder und Schienen.
Gib acht, vor den schwarzen Linien hier
fliegst du hoch mit den Minen.

Mein lieber Bruder, dann will ich an den Pfahl
gebunden sein und schreien.
Doch du reitest schon aus dem Totental
und wir fliehen zu zweien.

Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt,
es rinnt uns der Sand aus den Haaren,
dein und mein Alter und das Alter der Welt
mißt man nicht mit den Jahren.

Laß dich von listigen Raben, von klebriger Spinnenhand
und der Feder im Strauch nicht betrügen,
iß und trink auch nicht im Schlaraffenland,
es schäumt Schein in den Pfannen und Krügen.

Nur wer an der goldenen Brücke für die Karfunkelfee
das Wort noch weiß, hat gewonnen.
Ich muß dir sagen, es ist mit dem letzten Schnee
im Garten zerronnen.

Von vielen, vielen Steinen sind unsre Füße so wund.
Einer heilt. Mit dem wollen wir springen,
bis der Kinderkönig, mit dem Schlüssel zu seinem Reich
im Mund,
uns holt, und wir werden singen:

Es ist eine schöne Zeit, wenn der Dattelkern keimt!
Jeder, der fällt, hat Flügel.
Roter Fingerhut ist's, der den Armen das Leichentuch
säumt,
und dein Herzblatt sinkt auf mein Siegel.

Wir müssen schlafen gehn, Liebster, das Spiel ist aus.
Auf Zehenspitzen. Die weißen Hemden bauschen.
Vater und Mutter sagen, es geistert im Haus,
wenn wir den Atem tauschen.






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