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Aus der Welt der Literatur



2009-02-12
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (Milan Kundera / Fischer Taschenbuch Verlag / ISBN 3-596-25992-4)

Dieser Roman ist wohl Kunderas´ bedeutendstes Buch. Er veröffentlichte ihn erst 1982, obwohl seine Handlung in die Zeit des „Prager Frühlings“ fällt, der 1968 unter russischen Panzerketten blutig endete.
Kundera, der heute in Frankreich lebt, war immer ein politischer Schriftsteller, engagierte sich einige Jahre in der Kommunistischen Partei seines Landes, mit der er schließlich endgültig brach. Seit 1981 ist er französischer Staatsbürger; seine demütigenden, beschämenden Erlebnisse nach der Niederschlagung der Reform-Bewegung in seinem Heimatland hat er nie verwunden.

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ verstört den Leser fürs erste, vermischt sich doch die Tragödie der gewaltsamen Zerschlagung der Ideen des „Prager Frühlings“ scheinbar ohne große Dramatik mit dem oft profanen Tagesallerlei, mit den meist simplen, unspektakulären Lebensabläufen, insbesondere den sexuellen Präferenzen, seiner Protagonisten. Doch gerade dieser Umstand, „die unerträgliche Leichtigkeit“, nimmt den Leser am Ende um so mehr ein. Wesentliches und Unwesentliches, Großes und Banales liegen dicht beieinander. So ist das Leben schließlich. Und darin könnte die Botschaft des Buches bestehen.

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Textauszug:


Der ungeschriebene Vertrag der erotischen Freundschaft beinhaltete, daß Tomas die Liebe aus seinem Leben ausschloß. In dem Moment, da er diese Bedingung mißachtete, würden sich seine anderen Freundinnen als zweitrangig zurückgesetzt fühlen und sich auflehnen.
Er besorgte also für Teresa ein Zimmer in Untermiete, wo sie ihren schweren Koffer abstellen mußte. Er wollte auf sie aufpassen, sie beschützen und sich an ihrer Gegenwart freuen, aber er verspürte nicht die geringste Lust, seine Lebensweise zu ändern. Niemand sollte wissen, daß Teresa bei ihm schlief. Der gemeinsame Schlaf ist das corpus delicti der Liebe.

Er schlief nie bei anderen Frauen. Wenn er zu ihnen ging, war es einfach: er konnte weggehen, wann er wollte. Schwieriger war es jedoch, wenn sie zu ihm kamen und er ihnen nach Mitternacht klarmachen mußte, daß er sie heimfahren würde, da er an Schlafstörungen litte und nicht in der Lage sei, in der Nähe eines anderen einzuschlafen. Das war zwar nicht weit von der Wahrheit entfernt, der Hauptgrund aber war noch schlimmer, und er wagte nicht, ihn seinen Freundinnen zu gestehen: nach dem Liebesakt verspürte er ein unbezwingbares Bedürfnis, allein zu sein; es war ihm unangenehm, mitten in der Nacht an der Seite einer fremden Person aufzuwachen; das gemeinsame morgendliche Aufstehen stieß ihn ab; er hatte keine Lust, daß ihm jemand beim Zähneputzen im Badezimmer zuhörte, und die Intimität eines Frühstücks zu zweit bedeutete ihm nichts.
Deshalb war er so überrascht, als er aufwachte und Teresa ihn fest an der Hand hielt. Er sah sie an und konnte nicht recht begreifen, was ihm da geschehen war. Er vergegenwärtigte sich die zurückliegenden Stunden und ihm schien, als verströmten sie den Duft eines unbekannten Glücks.

Von diesem Moment an freuten sie sich beide auf den gemeinsamen Schlaf. Ich bin versucht zu sagen, das Ziel des Liebesaktes lag für sie nicht so sehr in der Lust als vielmehr im nachfolgenden Schlaf. Besonders Teresa konnte ohne Tomas nicht einschlafen. War sie ab und zu allein in ihrem möblierten Zimmer (das immer mehr zu einem Alibi wurde), konnte sie die ganze Nacht kein Auge zutun. In seinen Armen konnte sie immer einschlafen, auch wenn sie noch so unruhig war. Flüsternd erzählte er ihr Märchen, kleine Geschichten, die er sich für sie ausdachte, und wiederholte mit monotoner Stimme tröstende oder lustige Worte. In ihrem Kopf verwandelten sich diese Worte in wirre Visionen, mit denen sie in den ersten Traum hinüberglitt. Ihr Schlaf lag vollkommen in seiner Macht, und sie schlief in dem Augenblick ein, den er bestimmte.

Wenn sie schliefen, hielt sie ihn wie in der ersten Nacht: mit fester Hand umklammerte sie sein Handgelenk, einen Finger oder seinen Knöchel. Wollte er von ihr abrücken, ohne sie zu wecken, mußte er mit List vorgehen: er befreite seinen Finger (das Handgelenk, den Knöchel) aus ihrer Umklammerung, was sie jedesmal halb aufweckte, weil sie ihn selbst im Schlaf aufmerksam bewachte. Um sie zu beruhigen, schob er ihr statt seines Handgelenks irgendeinen Gegenstand in die Hand (einen zusammengerollten Pyjama, ein Buch, einen Schuh), den sie dann fest umklammerte, als wäre er ein Teil seines Körpers.

Einmal, als er sie gerade eingeschläfert hatte, und sie sich im Vorzimmer des ersten Schlafes befand, wo sie noch auf seine Fragen antworten konnte, sagte er zu ihr: „So. Und jetzt gehe ich.“ „Wohin?“ fragte sie. „Fort“, antwortete er streng. „Ich gehe mit dir!“ sagte sie und richtete sich im Bett auf. „Nein, das geht nicht. Ich gehe für immer“, sagte er, verließ das Zimmer und trat in die Diele. Sie stand auf und folgte ihm mit blinzelnden Augen. Sie trug ein kurzes Hemdchen, unter dem sie nackt war. Ihr Gesicht war starr und ohne Ausdruck, ihre Bewegungen jedoch energisch. Tomas ging hinaus auf den Hausflur (den Gemeinschaftsflur der Mietskaserne) und schloß vor Teresa die Tür. Sie öffnete sie brüsk und folgte ihm. Im Halbschlaf war sie überzeugt davon, daß er für immer weggehen wollte und sie ihn zurückhalten müßte. Er ging die Treppe hinunter bis zum ersten Absatz und wartete auf sie. Sie trat auf ihn zu, nahm ihn an der Hand und holte ihn zu sich ins Bett zurück.

Tomas sagte sich: Mit einer Frau schlafen und mit einer Frau einschlafen sind nicht nur zwei verschiedene, sondern geradezu gegensätzliche Leidenschaften. Liebe äußerst sich nicht im Verlangen nach dem Liebesakt (dieses Verlangen betrifft unzählige Frauen), sondern im Verlangen nach dem gemeinsamen Schlaf (dieses Verlangen betrifft nur eine einzige Frau).












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