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Aus der Welt der Literatur



2008-10-25
Gösta Berling (Selma Lagerlöf / DTV / ISBN-10: 3-42312-461-X )

Selma Lagerlöf (1858 – 1940) zählt noch heute zu den wohl bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen Schwedens. 1909 wurde sie als erste Frau mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Schweden, die eigene Kindheit und die tausend Sagen und Legenden ihres Heimatlandes bestimmen ganz wesentlich das Werk der großen Autorin, deren erster Roman „Gösta Berling“ (erschienen 1891) war. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und stockendem Verkauf wurde das Buch schließlich zu einem ihrer größten Erfolge und gehört seit langem zu den bedeutenden Romanen der Weltliteratur.
Wo findet sich vergleichbare Erzählkunst heute noch, wo solches Sprachvermögen?
Elke Heidenreich verstieg sich einmal zu der Feststellung, ein altes Buch, einen alten Text zu überarbeiten, das ganze für die jetzige Generation lesbarer zu machen. Welch törichter Gedanke!



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Textauszug:


Liljecronas Heimat (aus „Gösta Berling“ von Selma Lagerlöf)


Unter den Kavalieren war einer, den ich schon als großen Musiker erwähnt habe. Er war ein hochgewachsener, breitgebauter Mann mit einem mächtigen Kopf und buschigem, schwarzem Haar. Damals konnte er nicht viel über vierzig Jahre alt sein, aber er hatte ein häßliches, grobgeschnittenes Gesicht und ein gemessenes Wesen, so daß ihn viele schon für einen alten Mann hielten. Er war ein guter, aber schwermütiger Mensch.
Eines nachmittags nahm er die Geige unter den Arm und verließ Ekeby. Er verabschiedete sich von niemand, obgleich es seine Absicht war, nie wieder zurückzukehren. Seit er die Gräfin Elisabet in ihrem Unglück gesehen hatte, war ihm das Leben auf Ekeby verleidet. Er wanderte den ganzen Abend und die ganz Nacht hindurch, ohne sich auszuruhen, bis er bei Sonnenaufgang einen kleinen Herrenhof namens Löfdala erreichte, dessen Besitzer er war.
Es war noch so früh, daß kein Mensch wach war. Liljecrona setzte sich auf das grünangestrichene Schaukelbrett vor dem Herrenhaus und betrachtete sein Besitztum.

Lieber Gott, einen schöneren Ort gab es gewiß nicht wieder! Der Platz vor dem Hause senkte sich leicht und war mit feinem, gellgrünem Gras bedeckt. Einen solchen Rasen gab es sonst nirgends. Die Schafe durften darauf weiden und die Kinder sich im Spiel dort tummeln, aber trotzdem blieb er ebenso frisch und grün. Er wurde nie gemäht, aber wenigstens einmal in der Woche ließ die Hausmutter alle Zweige, Strohhalme und dürren Blätter von dem frischen Grase entfernen. Er betrachtete den mit Sand bestreuten Weg vor dem Hause und zog plötzlich die Füße zurück. Die Kinder hatten gestern abend noch richtige Muster darauf geharkt, und seine großen Füße hatten nun an der feinen Arbeit großen Schaden angerichtet. Nein, wie hier alles gedieh! Die sechs Ebereschen, die den Rasenplatz bewachten, waren so hoch wie Buchen und so stämmig wie Eichen. Solche Bäume hatte es gewiß noch nie gegeben! Großartig waren sie mit ihren dicken, von gelben Flechten bewachsenen Stämmen und mit den großen, weißen Blütenbüschen, die aus dem dunkeln Laub aufragten. Er mußte an den Himmel und seine Sterne denken. Es war wirklich zum Verwundern, wie die Bäume hier gediehen!
Dort stand ein alter Weidenbaum, der so dick war, daß ihn zwei Männer nicht umspannen konnten. Er war jetzt morsch und hohl, und der Blitz hatte ihm die Krone geraubt, aber er wollte nicht sterben. In jedem Frühling sproßten frische grüne Zweige aus dem abgebrochenen Stamm auf, um zu zeigen, daß noch Leben in ihm war.

Der Faulbaum am östlichen Giebel des Hauses war so groß geworden, daß er das ganze Haus beschattete. Das Rasendach war von den abgefallenen Blütenblättern ganz weiß, denn der Faulbaum hatte eben ausgeblüht. Und die Buchen, die in kleinen Gruppen da und dort auf den Feldern standen, sie hatten sicher das Paradies auf seinem Gute. Sie zeigten so viele verschiedene Baumformen, als ob sie übereingekommen wären, alle andern Bäume nachzumachen. Eine glich einer Linde mit einem gewölbten, dichten und schattigen Blätterdach, eine andere stand schlank und kegelförmig da wie eine Pappel, und eine dritte ließ die Zweige hängen wie eine Trauerweide. Keine glich der andern, aber schön waren sie alle.

Liljecrona stand auf und ging ums Haus herum. Da lag der Garten so wunderbar schön, daß er stillstehen und tief aufatmen mußte. Die Apfelbäume blühten. Ja, das hatte er gewußt. Er hatte sie ja auf allen den andern Gütern blühen sehen; aber nirgends blühten sie so schön wie hier auf diesem Hofe, wo er sie schon als Kind in ihrer Blütenpracht bewundert hatte. Mit gefalteten Händen und vorsichtigen Schritten wandelte er auf den Wegen hin und her.
Der Boden war weiß, und die Bäume waren weiß, hier und da mit einem blaßroten Schimmer. Etwas so Schönes hatte er noch nie gesehen. Jeden von diesen Bäumen kannte er so gut, wie man seine Geschwister und Spielkameraden kennt. Die Astrachanäpfel und die Winteräpfel blühten ganz weiß, die Blüten der Sommeräpfel waren rosa und die der Paradiesäpfel leuchtend rot. Am schönsten war der alte Holzapfelbaum, dessen kleine, bittere Früchte niemand essen konnte. Er geizte wahrlich nicht mit Blüten, er sah im Morgenglanze wie eine große Schneewehe aus.
Denn bedenkt nur, es war noch früh am Morgen! Der Tau glänzte auf jedem Blatt; aller Staub war abgewaschen. Hinter den bewaldeten Bergen, an deren Fuß der Herrenhof lag, drangen die ersten Strahlen der Morgensonne hervor. Es sah aus, als hätten sie die Wipfel der Tannen angezündet. Über und über der hervorsprossenden Hafersaat lag der lichteste Nebel, der zarteste Schönheitsschleier, und die Schatten waren ebenso scharf wie bei hellem Vollmondschein.

Er bleibt stehen und betrachtet die großen Gewürzbeete zwischen den Gartenwegen. Er erkennt, daß seine Frau mit ihren Mägden hier gearbeitet hat. Sie haben gegraben, gehackt und gedüngt und das Unkraut ausgerissen, dann haben sie die Erde geharkt, bis sie fein und leicht geworden ist. Hierauf wurden die Beete gerade gemacht, die Ränder scharf abgestochen und die Beete dann mit Schnüren und Pflöcken in Streifen und Vierecke abgeteilt. Dann sind mit kleinen lustigen Schritten schmale Gänge ausgetreten worden, und zum Schluß wurde gesäet und gepflanzt, bis alle Streifen und Vierecke voll waren. Und die Kinder waren auch dabei, voll Freude und Eifer, weil sie helfen durften, obgleich es eine recht schwere Arbeit für sie war, so vorgebeugt stehen und die Arme so weit über die breiten Beete strecken zu müssen. Und natürlich haben sie unglaublich viel geleistet, wie sich jedermann wohl denken kann.
Jetzt begann der Samen aufzugehen.
Gott segne sie! Wie keck sie dastanden, die Erbsen und die Bohnen mit ihren zwei dicken Keimblättern, und wie gleichmäßig und hübsch die Karotten und die Rüben aufgegangen waren! Am lustigsten waren die kleinen krausen Petersilienblätter anzuschauen, die die Erdschicht über sich ein klein wenig in die Höhe hoben und Versteck mit dem Leben spielten.
Und dann war da ein kleines Beet, das nicht so genau abgeteilt war und wo die kleinen Vierecke aussahen wie eine kleine Musterkarte von allem, was gepflanzt und gesäet werden konnte. Das war der Garten der Kinder.

Und Liljecrona legte rasch die Geige ans Kinn und begann zu spielen. In dem hohen Gebüsch, das den Garten vor dem Nordwind schützt, stimmen die Vögel nun auch ihr Morgenlied an. An solch einem herrlichen Morgen war es keinem mit einer Stimme begabten Wesen möglich zu schweigen. Der Fidelbogen bewegte sich ganz von selbst.
Liljecrona ging in den Wegen auf und ab und spielte. „Nein“, dachte er, „einen schöneren Ort gibt es auf der Welt nicht!“ Was war Ekeby gegen Löfdala? Sein Haus war einstöckig und nur mit Rasen bedeckt. Es lag am Waldsaum, die Berge dicht hinter sich und das lange Tals vor sich. Es war nichts Merkwürdiges da: kein See, kein Wasserfall, keine Uferwiesen, kein Park, und doch war es so schön! Es war schön, weil es eine gute, friedliche Heimat war. Hier war das Leben leicht. Alles, was anderswo Bitterkeit und Haß hervorgerufen hätte, wurde hier mit Milde ausgeglichen. So sollte es in jedem Hause sein.
Drinnen im Hause schläft die Hausfrau in einem Zimmer nach dem Garten. Sie erwacht plötzlich und lauscht, aber sie rührt sich nicht. Sie lauscht und beginnt zu lächeln. Die Musik kommt näher und immer näher, schließlich ist es, als sei der Spielmann vor ihrem Fenster stehengeblieben. Es ist nicht das erstemal, daß Geigenspiel vor ihrem Fenster ertönt. So pflegt ihr Mann heimzukommen, wenn sie dort auf Ekeby einen außergewöhnlich wilden Streich ausgeführt haben.

Da draußen steht er nun und beichtet und bittet um Vergebung. Er beschreibt ihr die finstern Mächte, die ihn von dem weglocken, was er am meisten liebt, von ihr und den Kindern. Aber er liebt sie! O gewiß, er liebt sie!
Während er spielt, steht sie auf und kleidet sich an, ohne recht zu wissen, was sie tut. Sein Spiel nimmt alle ihre Gedanken gefangen.
„Nicht Luxus und Wohlleben haben mich fortgelockt“, spielt er, „nicht Liebe zu andern Frauen und nicht Ruhm, sondern die verlockende Vielseitigkeit des Lebens. Ich muß mich von seiner Schönheit, seiner Bitterkeit, seinem Reichtum umgeben fühlen. Aber jetzt habe ich genug davon, jetzt bin ich müde und befriedigt. Ich werde meine Heimat nicht mehr verlassen. Vergib mir, habe Nachsicht mit mir!“
Sie zieht die Gardinen zurück und öffnet das Fenster; er sieht ihr schönes, gutes Gesicht.
Sie ist gut, und sie ist weise. Ihre Blicke bringen, den Strahlen der Sonne gleich, Segen, wohin sie fallen. Sie befiehlt und sie behütet. Wo sie ist, muß alles wachsen und gedeihen. Sie trägt das Glück in sich.
Er schwingt sich zu ihr aufs Fensterbrett und ist glücklich wie ein jugendlicher Liebhaber.
Dann hebt er sie aus dem Fenster und trägt sie in den Garten unter die Apfelbäume. Dort sagt er ihr, wie schön dies alles sei und zeigt ihr die Gewürzbeete und die Pflanzungen der Kinder und die kleinen lustigen Petersilienblätter.

Als die Kinder erwachen, entsteht Jubel und Entzücken über die Heimkehr des Vaters. Sie nehmen ihn ganz in Beschlag. Er muß nun alles Neue und Merkwürdige besehen, das kleine Hammerwerk, das drunten am Bache klappert, das Vogelnest im Weidenbaum und die Karauschen im Teiche, die zu Tausenden an der Oberfläche des Wassers schwimmen. Dann machen Vater und Mutter mit den Kindern einen langen Spaziergang durch die Felder. Vater muß sehen, wie dicht der Roggen steht, wie der Klee wächst und wie die Kartoffeln anfangen, ihre runzligen Blätter aus der Erde herauszustrecken.
Er muß die von der Weide heimkehrenden Kühe sehen, muß die jungen Kälber in ihrem Verschlag und die Lämmer im Schafstall begrüßen, muß helfen, Eier suchen und allen Pferden Zucker geben.
Die Kinder lassen ihn den ganzen Tag keinen Augenblick los. Keine Schule, keine Aufgaben – nur umherstreifen mit dem Vater!
Am Abend spielt er ihnen zum Tanz auf, und den ganzen Tag über ist er ihnen ein so guter Freund und Spielkamerad gewesen, daß sie vor dem Einschlafen den lieben Gott bitten, er möge Vater doch immer zu Hause bleiben lassen.
Er bleibt auch volle acht Tage und ist während der Zeit so fröhlich wie ein Kind. Er ist in alles daheim verliebt, in seine Frau und in seine Kinder, und er denkt gar nicht an Ekeby.

Aber eines Morgens ist er verschwunden. Er konnte es nicht länger aushalten – das Glück war zu groß für ihn. Ekeby war tausendmal geringer, aber Ekeby lag mitten im Strudel der Ereignisse. Ach, wieviel gab es dort, wovon man träumen und spielen konnte! Wie könnte er das Leben ertragen, fern von den Heldentaten der Kavaliere und fern von dem langen See, um den die wilde Jagd der Abenteuer dahinstürmte?

Auf seinem Gute ging alles ruhig seinen Gang. Alles wuchs und gedieh unter der Obhut der milden Hausmutter. Dort genossen alle ein stilles Glück. Alles, was anderswo Zwist und Bitterkeit hervorgerufen hätte, ging hier ohne Schmerz und Klage vorüber. Alles war, wie es sein sollte. Wenn nun der Herr des Hauses durchaus als Kavalier auf Ekeby leben wollte, was tat es? Würde es vielleicht etwas nützen, wenn man sich über die Sonne beklagte, daß sie jeden Tag im Westen verschwindet und die Erde im Finstern zurückläßt?
Wer ist unbezwinglich, wenn nicht die Demut? Wer ist des Sieges gewiß, wenn nicht die Geduld?



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(„O, Kinder späterer Zeiten! Ich habe euch nichts Neues zu erzählen, nur das, was alt und fast vergessen ist. Sagen habe ich aus dem Kinderzimmer, wo die Kleinen auf niedrigen Schemeln um die Märchenerzählerin mit den weißen Haaren saßen, oder vom Holzfeuer in der Hütte, wo die Knechte und Kätner saßen und sich unterhielten, während der Dunst aus ihrer feuchten Kleidung drang und während sie Messer aus der um den Hals gehängten Lederscheide zogen, um Butter auf dickes, weiches Brot zu schmieren, oder von Sälen, wo alte Herren in wiegenden Schaukelstühlen saßen und, belebt vom dampfenden Punsch, von vergangenen Zeiten sprachen.“) – Zitat aus „Gösta Berling“.






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