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Aus der Welt der Literatur



2008-04-29
Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch (Michael Ende / Thienemann Verlag / ISBN 3-522-16610-8)

Für das Manuskript seines Klassikers „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ – sein erstes Kinderbuch – fand Michael Ende 1960 nur mit Mühe einen Verlag, dem der Text es wert schien, publiziert zu werden. Alle übrigen wiesen ihm die Tür, und es waren eine ganze Reihe. Nur das Lektorat des Thienemann Verlags erkannte sein außerordentliches Talent, und fortan veröffentlichte Ende fast alle weiteren Bücher – darunter so populäre wie „Die unendliche Geschichte“ – in diesem Verlag. Längst lehrt die Erfahrung, daß – mitunter in brüskierendem oder demütigendem Ton – abgewiesene Autoren diese Verwundung zeitlebens nicht vergessen und, wenn sie erfolgreich werden, jenen die Treue halten, die den wahren Wert ihres Schaffens abseits eingefahrener Spuren und bewährter Üblichkeit frühzeitig erkannten.
Mit dem hier vorgestellten Buch „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“, erschienen 1989, erzählt Ende die wunderschöne Geschichte vom märchenhaften Silvester-Erlebnis eines übergewichtigen Katers und eines ruppigen Raben, die gemeinsam den bösen Zauberer „Beelzebub Irrwitzer“ und seine nicht minder arge Hexentante „Tyrannja Vamperl“ im Auftrag des „Hohen Rates der Tiere“ an der Durchführung ihres verhängnisvollen Vorhabens hindern wollen.
Ein – wie alle Ende-Bücher – Lesespaß nicht nur für Kinder, der sich ebenfalls sehr gut fürs Vorlesen eignet.


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Textauszug (Schluß):


Zu gleichen Zeit saßen Jakob Krakel und Maurizio di Mauro nebeneinander auf dem großen Dach des Münsters.
Sie hatten sich inzwischen noch einmal dort hinaufbegeben, was ihnen in ihrem neugestärkten Zustand mühelos gelungen war. Nun sahen sie glücklich zu, wie hinter all den tausend erleuchteten Fenstern die Menschen sich umarmten, wie über der Stadt unzählige Raketen aufstiegen und in farbenglühenden Feuergarben zerplatzten, und sie lauschten ergriffen dem gewaltigen Konzert der Neujahrsglocken.

Sankt Silvester, der nun wieder nur eine Steinfigur war, blickte von der Höhe des Münsterturms mit entrücktem Lächeln auf all den festlichen Glanz hinunter.
„Ein gutes neues Jahr, Jakob“, sagte Maurizio mit Rührung in der Stimme.
„Gleichfalls!" antwortete der Rabe. „Ich wünsch´ Dir viel Erfolg. Mach´s gut, Maurizio di Mauro.“
„Das hört sich nach Abschied an“, meinte der Kater.
„Ja“, krächzte Jakob rauh, „is` besser so auf die Dauer, glaub´ mir. Wenn die Verhältnisse wieder natürlich sind, dann sind Katzen und Vögel auch wieder natürliche Feinde.“
„Eigentlich schade“, sagte Maurizio.
„Ach, laß´ mal“, antwortete Jakob, „das is´ schon in Ordnung.“

Sie schwiegen eine Weile und lauschten den Glocken.
„Wissen möchte ich“, ließ sich schließlich der Kater vernehmen, „was aus dem Zauberer und der Hexe geworden ist. Das werden wir nun nie erfahren.“
„Macht nix“, sagte Jakob, „Hauptsache, alles is´ gutgegangen.“
„Ist es das denn?“ fragte Maurizio.
„Klar!“ schnarrte Jakob. „die Gefahr is´ vorbei. Wir Raben spüren so was. Da täuschen wir uns nie.“

Der Kater dachte eine Weile nach.
„Irgendwie“, sagte er dann leise, „tun sie mir fast leid, die zwei.“
Der Rabe schaute ihn scharf an.
„Nun mach´ aber mal ´n Punkt!“
Beide schwiegen und hörten wieder dem Konzert der Glocken zu. Sie mochten sich immer noch nicht trennen.

„Jedenfalls“, nahm Maurizio schließlich wieder das Wort, „wird es bestimmt ein sehr gutes Jahr für alle – ich meine, wenn überall geschieht, was mit uns geschehen ist.“
„Wird´s wohl“, – Jakob nickte tiefsinnig – „aber wem sie´s zu verdanken haben, das werden die Menschen nie erfahren.“
„Die Menschen nicht“, pflichtete der Kater bei, „und selbst wenn es ihnen jemand erzählen würde, sie würden es höchstens für ein Märchen halten.“

Abermals trat eine längere Pause ein, aber noch immer machte keiner von beiden Anstalten, sich zu verabschieden. Sie blickten zum funkelnden Sternenhimmel auf, und es kam ihnen beiden vor, als sei er noch nie so hoch und so weit gewesen.

"Siehst du“, sagte Jakob, „das sind jetzt die Höhen des Lebens, die dir bisher noch gefehlt haben.“
„Ja“, stimmte der Kater ergriffen zu, „das sind sie. Von jetzt an werde ich alle Herzen erweichen können, nicht wahr?“
Jakob streifte den schneeweißen, stattlichen Kater mit einem raschen Seitenblick und meinte: „Die von Katzen bestimmt. Mir genügt´s, zu meiner Elvira ins gemütliche Nest zu kommen. Sie wird Augen machen, wenn sie mich so sieht – jung und im Erste-Klasse-Frack.“
Er ordnete sorgfältig mit dem Schnabel ein paar abstehende Federn.

„Elvira?“ fragte Maurizio. „Sag´ mal ehrlich, wieviele Frauen hast du eigentlich?“
Der Rabe räusperte sich etwas verlegen.
„Ach, weißt du, auf Weibchen is´ kein Verlaß. Man muß sich beizeiten mit einem Vorrat eindecken, sonst sitzt man am Ende ganz ohne da. Und einer, der nirgendwo zu Hause is´, braucht eben überall ein warmes Nest. Na, das verstehst du noch nicht.“
Der Kater tat entrüstet.
„Das werde ich nie verstehen!“
„Warten wir´s ab, Herr Minnesänger“, meine Jakob trocken.

Das Glockenläuten verklang nach und nach. Sie saßen schweigend nebeneinander. Endlich schlug Jakob vor: „Wir sollten jetzt dem Hohen Rat Bescheid sagen. Danach kehrt jeder ins Privatleben zurück, und unsere Wege trennen sich.“

„Warte“! sagte Maurizio. „Zum Hohen Rat können wir immer noch gehen. Jetzt möchte ich gern mein erstes Lied singen.“
Jakob sah ihn erschrocken an.
„Ich hab´s kommen sehen“, krächzte er. „Aber für wen willst du eigentlich singen? Is´ doch kein Publikum da, und ich bin total unmusikalisch, bin ich.“
„Ich singe es“, antwortete Maurizio, „für Sankt Silvester und zu Ehren des Großen Katers im Himmel.“
„Na schön“, – der Rabe zuckte die Flügel – „wenn du unbedingt meinst. Aber bist du überhaupt sicher, daß dir da oben irgendwer zuhört?“
„Das verstehst du nicht, mein Freund“, sagte der Kater würdevoll, „das ist eine Frage des Niveaus.“
Er putzte noch einmal rasch über sein seidenglänzendes, blütenweißes Fell, strich sich den bedeutenden Schnurrbart glatt, nahm Positur ein, und während der Rabe ihm geduldig, aber verständnislos zuhörte, begann er seine erste und schönste Arie zum Sternenhimmel emporzumiauen.

Und weil er nun wunderbarerweise auch plötzlich fließend Italienisch konnte, sang er mit seinem unvergleichlich schmelzenden neapolitanischen Katertenor:

„“Tutto é ben´ quell´che finisce bene....“

Und das heißt auf Deutsch:

ENDE GUT, ALLES GUT.







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