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Aus der Welt der Literatur



2008-03-28
Geschwisterblut (Theodor Storm)

Storms Ballade „Geschwisterblut“ berührt ein Geschick, das es gibt, seit Menschen die Erde bevölkern. Verschwiegen, verborgen, tabuisiert, unter Strafe gestellt. Und doch nicht aus dem Leben zu tilgen, immer wieder aufs neue Menschen heimsuchend, die um das Verhängnisvolle ihres Verlangens wissen und oft genug am Zwiespalt, an der Zerrissenheit ihrer Gefühle zerbrechen.

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Geschwisterblut (Theodor Storm)


1

Sie saßen sich genüber bang,
Und sahen sich an in Schmerzen;
Oh, lägen sie in tiefster Gruft,
Und lägen Herz an Herzen!

Sie sprach: „Daß wir beisammen sind,
Mein Bruder, will nicht taugen!“
Er sah ihr in die Augen tief:
„O süße Schwesteraugen!“

Sie faßte flehend seine Hand
Und rief: „O denk der Sünde!“
Er sprach: „O süßes Schwesterblut,
Was läufst du so geschwinde!“

Er zog die schmalen Fingerlein
An seinen Mund zur Stelle;
Sie rief: „Oh, hilf mir, Herre Christ,
Er zieht mich nach der Hölle!“

Der Bruder hielt ihr zu den Mund;
Er rief nach seinen Knappen.
Nun rüsteten sie Reisezeug,
Nun zäumten sie die Rappen.

Er sprach: „Daß ich dein Bruder sei,
Nicht länger will ich's tragen;
Nicht länger will ich drum im Grab
Vater und Mutter verklagen.

Zu lösen vermag der Papst Urban,
Er mag uns lösen und binden;
Und säß er an Sankt-Peters Faust,
Den Brautring muß ich finden.“

Er ritt dahin; die Träne rann
Von ihrem Angesichte;
Der Stuhl, wo er gesessen, stand
Im Abendsonnenlichte.

Sie stieg hinab durch Hof und Hall'
Zu der Kapelle Stufen:
„Weh mir, ich hör im Grabe tief
Vater und Mutter rufen!“

Sie stieg hinauf ins Kämmerlein;
Das stand in Dämmernissen.
Ach, nächtens schlug die Nachtigall;
Da saß sie wach im Kissen.

Da fuhr ihr Herz dem Liebsten nach
Allüberall auf Erden;
Sie streckte weit die Arme aus:
„Unselig muß ich werden!“


2

Schon war mit seinem Rosenkranz
Der Sommer fortgezogen;
Es hatte sich die Nachtigall
In weiter Welt verflogen.

Im Erker saß ein blasses Weib
Und schaute auf die Fliesen;
So stille war's; kein Tritt erscholl,
Kein Hornruf über die Wiesen.

Der Abendschein alleine ging
Vergoldend durch die Halle;
Da öffneten die Tore sich
Geräuschlos, ohne Schalle.

Da stand an seiner Schwelle Rand
Ein Mann in Harm gebrochen;
Der sah sie toten Auges an,
Kein Wort hat er gesprochen.

Es lag auf ihren Lidern schwer,
Sie schlug sie auf mit Mühen;
Sie sprang empor, sie schrie so laut,
Wie noch kein Herz geschrieen.

Doch als er sprach: „Es reicht kein Ring
Um Schwester- und Bruderhände!“
Um stürzte sie den Marmortisch,
Und schritt an Saales Ende.

Sie warf in seine Arme sich;
Doch war sie bleich zum Sterben.
Er sprach: „So ist die Stunde da,
Daß beide wir verderben.“

Die Schwester von dem Nacken sein
Löste die zarten Hände:
„Wir wollen zu Vater und Mutter gehn;
Da hat das Leid ein Ende.“





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