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Aus der Welt der Literatur



2008-02-15
Gesammelte Erzählungen (Carson McCullers / Diogenes Verlag / ISBN 3-257-06392-X)

Die Gabe, kein Wort zuviel, doch auch keines zuwenig zu schreiben. Einfache Worte, scheinbar simple Sätze, mitunter fast waghalsige Formulierungen, denen auf den ersten Blick so gut wie nichts Poetisches anhaftet. Nur dieser Voraussetzungen bedarf es, um in einer Weise erzählen zu können, die das Attribut „Literatur“ verdient. Und doch ist es so unglaublich, so unendlich schwierig, läßt sich nicht erlernen, nicht in Schreibschulen, nicht in Universitätshörsälen. Man kann es, oder man kann es nicht. In die Reihe begnadeter Erzähler gehört zweifellos Carson McCullers, deren bekannteste Texte der Diogenes Verlag in dem genannten Buch versammelt hat.

Wie in den Biographien großer Autorinnen nicht selten anzutreffen, verlief auch das Leben von Carson McCullers nicht vom Glück begünstigt. Schon früh kränkelte sie, erlitt bereits mit dreiundzwanzig Jahren einen Schlaganfall, von dem sie sich nie mehr ganz erholte. Zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen gesellten sich Probleme im zwischenmenschlichen Bereich. Ihre 1937 mit Reeves McCullers geschlossene Ehe wurde 1941 geschieden; 1945 heiratete sie den Mann ein zweites Mal, der nach erneuter Ehekrise 1953 durch eigene Hand aus dem Leben schied. Sie selbst unternahm 1948 einen Selbstmordversuch. Nachdem sie sich 1964 die Hüfte brach, blieb sie an den Rollstuhl gefesselt. 1967 erlitt sie einen erneuten Schlaganfall, an dessen Folgen sie kurze Zeit später verstarb.

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Textauszug:



Sucker

Es war immer so, als hätte ich ein eigenes Zimmer. Sucker schlief bei mir in meinem Bett, aber das störte in keiner Weise. Das Zimmer gehörte mir, und ich benutzte es so, wie ich wollte. Ich erinnere mich, daß ich einmal eine Falltür in den Fußboden gesägt habe. Und voriges Jahr, als ich das zweite Jahr in der High School war, habe ich Bilder von Mädchen aus Zeitschriften an meine Wand gepinnt; die eine hatte bloß ihr Unterzeug an. Meine Mutter hat mich nie gestört, denn sie mußte sich um die jüngeren Kinder kümmern. Und Sucker fand immer alles pfundig, was ich getan habe.
Sobald ich mal ein paar von meinen Freunden in mein Zimmer raufbrachte, brauchte ich nichts weiter zu tun, als Sucker einen Blick zuzuwerfen, und dann ließ er alles stehen und liegen, was er gerade tat und griente vielleicht ein bißchen und ging, ohne ein Wort zu sagen. Er brachte nie Kinder mit rauf. Er ist zwölf, vier Jahre jünger als ich, und auch ohne daß ich´s ihm gesagt habe, hat er immer gewußt, daß ich´s nicht leiden konnte, wenn Kinder in dem Alter in meinen Sachen herumschnüffeln.

Meistens vergaß ich überhaupt, daß Sucker nicht mein Bruder ist. Er ist mein Vetter ersten Grades, aber fast so lange wie ich mich erinnern kann, ist er immer in unsrer Familie gewesen. Seine Eltern kamen nämlich bei einem Unglück ums Leben, als er noch ein Baby war. Für mich und meine kleine Schwester war er wie unser Bruder.
Sucker hat sich immer alles gemerkt und jedes Wort geglaubt, das ich gesagt habe. Daher stammt sein Spitzname (was ja „gutgläubiger Trottel“ bedeutet). Vor ein paar Jahren habe ich ihm weisgemacht, wenn er mit einem Schirm von unserer Garage herunterspringt, würde es wie ein Fallschirm wirken, und er könnte nicht schlimm hinfallen. Er hat´s getan und sich das Knie aufgeschlagen. Das ist bloß ein Beispiel. Und das Komische an der Sache war, daß er mir immer noch glaubte, egal, wie oft er angeführt wurde. Dabei war er sonst gar nicht dumm – es war bloß so seine Art mir gegenüber. Er schaute sich alles ruhig mit an, was ich tat und merkte es sich.

Eins habe ich dabei gelernt, aber es macht mir Gewissensbisse und ist auch schwer zu verstehen. Wenn jemand einen sehr bewundert, dann achtet man ihn nicht und verachtet ihn, aber derjenige, der einen nicht beachtet, den bewundert man gern. Es ist nicht so leicht zu verstehen. Maybelle Watts, unsre Klassenälteste, tat so, als wäre sie die Königin von Saba; sogar mich hat sie gedemütigt. Dabei hätte ich damals alles in der Welt getan, um sie auf mich aufmerksam zu machen.





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