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Aus der Welt der Literatur



2008-02-06
Sehnsucht nach einer kleinen Stadt (Mascha Kaléko / "Die paar leuchtenden Jahre" / Deutscher Taschenbuch Verlag / ISBN 3-423-13149-7)

Mascha Kaléko wäre vor wenigen Wochen hundert Jahre alt geworden. Sie wurde als Kind jüdischer Eltern in einem kleinen Ort in Galizien (heutiges Polen) geboren, kam noch in ihrer Kindheit nach Deutschland, wo sie hauptsächlich in Berlin lebte und arbeitete. 1938 floh sie vor Hitlers Schergen, emigrierte in die USA, kehrte erstmals 1956 nach Deutschland zurück. 1960 siedelte sie nach Israel über, wo ihr literarisches Schaffen, ihre Lyrik keine Anerkennung fanden. Überall war sie einsam, überall eine Fremde. Sie starb im Januar 1975 in Zürich, wurde 67 Jahre alt. Ihr einziges Kind, ihren ebenfalls künstlerisch ambitionierten Sohn, verlor sie 1968, seinen Vater, ihren zweiten Mann, ein Jahr vor ihrem eigenen Tod.

Einsamkeit und Verlassenheit ziehen sich durch viele Gedichte Mascha Kalékos, die Sehnsucht nach Verlorenem, nach Unwiederbringlichem. Manche Kritiker warfen ihr einst vor, in einer zu einfachen, zu alltäglichen Sprache zu schreiben. Doch genau darin liegt wohl der eigenartige Charme ihrer Lyrik begründet, deshalb war sie so populär – und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben.

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Sehnsucht nach einer kleinen Stadt
(Mascha Kaléko)


Jetzt müßte man in einer Kleinstadt sein
Mit einem alten Marktplatz in der Mitte,
Wo selbst das Echo nächtlich leiser Schritte
Weithin streut jeder hohle Pflasterstein,

Wo vor dem Rathaus rostge Brunnen stehen
In einem toten, längst vergeßnen Stil,
Wo selbst aus Erz die Statuen mit Gefühl
Des Abends Liebespaare wandeln sehen,

Wo alte Höfe unentdeckt noch träumen,
Als wären sie von einer andern Welt,
Nur ab und zu ein Dackel leise bellt,
Und blonde Kinder spielen unter Bäumen.

Da blühn Geranien, Tulpen und Narzissen
Vor Fenstern winzig wie im Puppenhaus.
Zum ziegelroten Giebeldach heraus
Hängt buntkariert ein bäurisch Federkissen.

Hier haben alle Menschen immer Zeit,
Als machte das Jahrhundert eine Pause.
Hier sitzt man noch auf Bänken vor dem Hause.
Und etwas abseits gibts noch Einsamkeit.

Nichts stört die klare Stille in der Nacht.
Wie unbegreiflich nah sind hier die Sterne.
Gespenstergleich verlischt die Gaslaterne,
Wenn familiär der Mond herunterlacht.

Da scheint uns – fern von allem – vieles glatt,
Was man zuvor mit anderm Maß gemessen.
Man könnte wohl so mancherlei vergessen
In einer solchen braven kleinen Stadt.





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