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Aus der Welt der Literatur



2007-12-24
Im stillen Winkel (Eduard von Keyserling / Manesse Verlag / ISBN 978-3-7175-2098-6)

Die sehr viel jüngere Frau verläßt den alternden Mann, der sich Selbsttäuschungen ergab, der Wochen, Tage, Stunden als letzte, kostbare Zeit mit ihr begriff, voller Angst vor der Einsamkeit, die kommen würde, wenn sie ginge. Ein altes, hundertmal beschriebenes und doch zeitloses Thema.
In kleinen, wie gewohnt feinen Bändchen hat der Manesse-Verlag ausgesuchte Novellen von Keyserlings neuaufgelegt. Sie gelten als seine „Meisternovellen“; er schrieb sie vor nunmehr hundert Jahren, in einer zeitlos schönen Sprache.

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Textauszug:

Der Kognak kam. Daahlen beugte sich über sein Glas und atmete den starken Duft ein. „Ah, das wärmt die Seele.“ Als der Diener gegangen war, beugte Daahlen sich nach mir vor und schaute mich aus verschleierten Augen an und sagte leise: „Lieber junger Freund, was werden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, ich habe es gewußt, daß so etwas kommen würde.“
„Wie das“, murmelte ich und schaute ihn mit Abneigung an.
Daahlen nickte wehmütig. „Man wird feige mit dem Alter, wo bleibt die schöne Energie? ‚Es muß etwas geschehen, du mußt handeln’, sagte ich mir in schlaflosen Nächten, aber sehen Sie, ich setzte mir eine Frist. Diesen Monat noch Ruhe und Gemütlichkeit, dann Strenge, le mari jaloux – na, und da habe ich denn diese Gnadenfrist in kleinen Bissen genossen, so wie manche Kinder ihren Kuchen krümchenweise essen, damit er ewig daure. Ich sage Ihnen, wenn sie mir eine Stunde mein Manuskript vorlas, zerhackte ich diese Stunde in so kleine Teilchen, daß sie dreimal so lang erschien. Das lernt man mit dem Alter. Ich denke da an eine Geschichte in Ostafrika. Ich hatte mich dem Leutnant von Marlow angeschlossen, der eine Strafexpedition machte. Nun war da ein junger, schokoladenfarbener Bursche, der sich schwer vergangen hatte – Verrat oder so was. Er sollte erschossen werden, aber nicht an Ort und Stelle, sondern wir mußten noch so an zehn Kilometer marschieren. Nun, nach vier Kilometern beginnt der Bursche die Füße zu schleppen, als könnte er vor Müdigkeit nicht. ‚Er soll sich erholen’, sagt Marlow. ‚Hören Sie’, sage ich zu Marlow, ‚der kann doch nicht müde sein, was sind für den vier Kilometer?’ Was antwortet mir Marlow? ‚Für den Burschen sind diese vier Kilometer so gut wie vierzig. Der lebt jetzt nicht so obenhin wie wir, der lebt jede Sekunde durch, und das macht müde.’ Verstehen Sie das?“ Ich antwortete nicht. Mir war dieser afrikanische Vergleich zuwider.

Daahlen stützte den Kopf in die Hand und sann trübe vor sich hin. „Einen Monat wollte ich in ihr noch die Claudia sehen, die ich kannte, und dann wollte ich mich mit der anderen Claudia auseinandersetzen. Sie hat nicht so lange gewartet.“
Er richtete sich auf, wurde stolz, ganz Tigerjäger. „Und ich hätte gehandelt, mein Lieber, die alte Energie ist nicht ganz fort. Ich kann schrecklich sein, mein Lieber. ‚Alles Ding hat seine Zeit’, steht in der Bibel, ‚Steine sammeln und Steine zerstreuen.’ Oh, ich hätte Steine zerstreut.“ Er lachte höhnisch und goß sich den Kognak in die Kehle. Aber dann wurde er gleich wieder gefühlvoll, er legte seine Hand auf die meine und sagte: „Ich war Ihnen auch sympathisch, ich weiß. Nun sitzen wir beide da.“

Ich stand auf, ich wollte gehen. Es war mir unerträglich, der Bundesgenosse dieses alten Mannes und seines Schmerzes zu sein.
„Sie gehen schon?“ meinte Daahlen, „ich danke Ihnen, mein junger Freund; über die Einsamkeit kommen wir nicht hinweg, da helfen alle Veranstaltungen nichts.“

Ich ging hinaus. Die Nacht war jetzt dunkel und warm. Über mir in den Bäumen der Allee flüsterte ein leichter Regen. Es gibt Augenblicke, in denen uns die Welt sehr unwahrscheinlich vorkommt, in denen wir gleichsam neben uns selbst einhergehen, wie neben einer wunderlichen und unverständlichen Erscheinung. Ich weiß, daß ich in dem Augenblick nicht an Claudia, sondern an Toni dachte. Wenn sie jetzt ein wenig schwer an meinem Arme hinge, meinen Arm leicht gegen ihre Brust drückte und mich mit den friedlich lüsternen nemophilenblauen Augen ansähe, das wäre beruhigend klar und verständlich.

Jetzt sitze ich in meinem Zimmer und habe all das niedergeschrieben. So war es. Aber was ist es, was ich erlebt habe? Mir fällt jetzt der Abend auf der einsamen Veranda bei Bohrer ein. Die weite, dunkle Ebene, die einsame Stimme, die dort erwachte, und die andere, die ihr antwortete. War es vielleicht nur ein Echo? Sind unsere sogenannten Liebeserfahrungen nicht vielleicht alle nur ein Echo unserer selbst? Ist das vielleicht die Formel dafür? Das wäre dann gut, und es ginge mich nichts an, was diese Frau von Daahlen und dieser Herr von Spall miteinander haben. Mein Liebesverhältnis wäre gesichert. Aber, warum tut das so weh? Warum läßt das solch einen häßlichen, demütigenden Schmerz zurück?

Der Morgen graut hinter den Vorhängen. Ich werde Josef wecken und ihm befehlen, daß er die Koffer packe. Ich muß fort. Ich will in ein Fischerdorf an der Ostsee reisen, dort still sitzen, die Füße im warmen Sande und den Wellen zusehen, wie sie rufen und antworten, miteinander gehen und vergehen. Das wird mir jetzt guttun. Warum? Auch dafür wird sich die Erklärung wohl finden lassen.





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