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Aus der Welt der Literatur



2007-12-05
Das Blütenstaubzimmer (Zoé Jenny / Frankfurter Verlagsanstalt / ISBN 3-7632-4759-9)

Als Zoé Jenny 1997 – knapp 24 Jahre jung – ihren Debütroman vorlegte, wurde sie von manchen überschwenglich als die größte literarische Stimme in der Schweiz seit Dürrenmatt und Frisch gefeiert. Doch wie bei nicht wenigen der über Nacht ins Rampenlicht beförderten Nachwuchspoeten konnte sie die großen Erwartungen der Literaturwelt an ihr weiteres Schaffen nicht erfüllen. Keines ihrer anschließenden Werke war ähnlich erfolgreich, und es mangelte nicht an herber Kritik.
„Das Blütenstaubzimmer“ wurde von vielen als Abrechnung mit den gescheiterten Lebensentwürfen der „68er“ verstanden, als unüberhörbarer Vorwurf an die Elterngeneration, die ihnen weder Wärme noch Werte vermitteln konnte. Letzteres ist nicht ganz neu bei jungen Autoren, doch von Jenny literarisch ungleich eindrucksvoller zu Papier gebracht als ihre Entsprechungen auf deutscher Seite.

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Das Blütenstaubzimmer (Zoé Jenny)


Textauszug:

In der frühen Morgendämmerung trete ich aus dem Haus. Es fahren noch keine Autos, und ich gehe in der Mitte der Straße, auf der weißen Linie, die die Fahrbahn in zwei Spuren teilt; gehe darauf der Stadt entgegen, wie auf einem Faden, der mich langsam, Schritt für Schritt aufwickelt. Von weitem sehe ich das Licht eines Fabrikschlotes. Es blinkt zuverlässig im Zwei-Sekunden-Rhythmus, irgendwo dort wird es ein Zimmer geben, weit oben in einem Hochhaus, wo die Menschen zurücksinken und der Lärm an den Mauern abperlt. Im Fenster würde ich den Himmel sehen, und wenn ich das Fenster öffnete und hinunterschaue, sähe alles winzig und ungefährlich aus wie Spielzeug. In einem Vorort, zwischen Wohnblöcken, liegt ein Park. Schwarze Vögel hängen in den kahlen Ästen. Es fällt der erste Schnee. Zwei alte Frauen sitzen wie ausgestopft dicht aneinandergedrängt auf einer Parkbank. Sie machen den Eindruck, es warm zu haben, und ich bin schon so lange in der Kälte, daß ich sie langsam vergesse. Als ich mich auf eine Bank neben der ihren setze, blicken sie zu mir herüber; in ihren Augen ist nichts Freundliches. Ich weiß, ich störe sie. Aber ich bleibe trotzdem hier. Und sage ihnen nicht, daß ich zusehen will, wie der Schnee auf den Boden fällt. Solcher, der nicht haften bleibt und eine dicke weiche Schicht bildet, sondern schmilzt, und daß ich deshalb immer auf die nächste Flocke warte, auf den sekundenschnellen Augenblick, in dem sie auftrifft und noch nicht geschmolzen ist. Und gemeinsam mit ihnen hier warten werde, auf die weiße Schicht über dem Boden. Auf die Decke aus Schnee.



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