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Aus der Welt der Literatur



2007-10-04
"Under der linden" (Walther von der Vogelweide)

Walther von der Vogelweide (Lebenszeit vermutet 1170 – 1230) gilt als bedeutendster Dichter des deutschen Mittelalters. Er schrieb unzählige Lieder, darunter auch politisch und religiös geprägte, zog als Sänger umher und brachte es zu großer Popularität. Als sein wohl bekanntestes überliefertes Liebeslied, das auch als Gedicht vorgetragen wurde und auch heute noch wird, gilt „Under der linden“, das die Liebe in der freien Natur zwischen einem Ritter und einer offenbar nicht standesgemäßen Frau zum Inhalt hat, zu damaliger Zeit ein für beide nicht ungefährliches Unterfangen. Unvergeßlich wurde das im Lied enthaltene Refrainwort „tandaradei“, das inzwischen literarischen Kultstatus errang.

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Unter der Linde (Walther von der Vogelweide)


Unter der Linde,
auf der Wiese,
dort wo das Bett von uns zweien war,
da könnt ihr sehen,
liebevoll gebrochen,
Blumen und Gras.
Vor einem Wald in einem Tal,
tandaradei,
sang schön die Nachtigall.

Ich kam gegangen
zu der Wiese:
Mein Geliebter war schon vor mir da.
Und so begrüßte er mich,
heilige Jungfrau,
daß ich darüber für immer glücklich bin.
Ob er mich küßte? Sicherlich tausendmal:
tandaradei,
seht, wie rot mein Mund ist.

Er hatte aus
Blumen ein herrliches
Bett hergerichtet.
Darüber wird sich jeder von Herzen
freuen,
der dort vorübergeht.
An den Rosen kann er noch gut,
tandaradei,
erkennen, wo mein Kopf lag.

Daß er mit mir schlief,
wüßte das jemand
(nein bei Gott!), dann schämte ich mich.
Was er mit mir tat,
niemand jemals soll das
wissen außer ihm und mir.
Und jenem kleinen Vogel:
tandaradei,
der wird sicherlich verschwiegen sein.




Originaltext:

Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was mîn friedel komen ê.
dâ wart ich empfangen
hêre frouwe
daz ich bin sælic iemer mê.
kust er mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rôt mir ist der munt.

Dô hete er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge,
wesse ez iemen
(nu enwelle got!), so schamte ich mich.
wes er mit mir pflæge,
niemer niemen
bevinde daz wan er und ich
und ein kleinez vogellîn:
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.






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