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Aus der Welt der Literatur



2007-08-31
Die Schlangenkönigin (Georg Britting)

Balladen......geheimnisvolle Welt im Zwischenreich von Gedicht und Erzählung, von Lied und Sprechgesang, sich rankend oft um Sagen und Legenden. Zum Fürchten häufig, seltsames Konstrukt in Versmaß und Reim. Große Werke darunter, die jeder kennt. Und kaum bekannte, doch oft nicht weniger eindrucksvoll und verstörend wie Georg Brittings „Schlangenkönigin“.

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Die Schlangenkönigin (Georg Britting)


Wo im Schilf die wilden Enten wohnen
Und der Storch die roten Beine hebt,
Schwimmt ein Nest voll schwarzer Schlangen, lebt
Die Schlangenkönigin, vor der das ganze dumpfe Dickicht bebt.

Wenn der Wind zur Abendstunde
Binsenstangen rasselnd rührt,
Weil er Menschen aufgespürt,
Trommelnd bringt er schnelle Kunde
In das königliche Haus:
Denn die weißen Menschenhäute,
Denn die weiße Menschenbeute
Bat sie sich von jeher aus –
Die Herrscherin, als Königsrecht
Für ihr adliges Geschlecht.

Und sie fährt, ein blaues Leuchten,
Sausend hin durch Halm und Kraut,
Daß die grünen, abendfeuchten
Gräser peitschen ihre Haut.

Jeder goldne Panzerkäfer
Hat ihr glotzend nachgeschaut,
Und der Maulwurf, Siebenschläfer,
Guter Bursche, weiß, warum ihm graut.

Auch der Mond, ob schwarzem Tann,
Vielerfahren, nie erschreckt,
Hat die Züngelnde entdeckt jetzt,
Und zu alt, daß er sich gräme,
Sieht ers still, mit Gleichmut an,
Wie sie, Feuerstoß und Blitz,
Niederwirft den Mann,

Der dann, riesig ausgestreckt,
Hingemäht wie reifes Korn,
Das Gesicht im Farn versteckt,
Als ob er des Tods sich schäme
Zwischen Erdbeerblüt und Dorn.

Schief das Krönlein auf dem Kopfe,
Singend wie die Schilfrohrflöte,
Tanzt dann ihren alten, eitlen
Schlangentanz die Königin.
Ihre Muhme, eine Kröte,
Bläst dazu das Jägerhorn,
Daß der Specht, der fest schon schlief,
Tief im Traum „Erbarmen!“ rief.

Sorgsam an dem Tröpflein Blut,
Daß den Toten er nicht weckt,
Schon ein blauer Falter schleckt,
Flügelschlagend, und es schmeckt
Ihm gut.

Fliegenpilz im roten Hut
Hat sich neidisch aufgereckt
Und erglüht voll Wut.

Und die Jägerin kehrt zurück ins Nest,
Und den Hals gebläht
Zischt sie stolz den dunklen Brüdern
Ihren Sieg zu, und in dünnen Liedern
Singen sie und feiern frech das Fest
Bis zum Morgen spät.

Und zur Königin im Schlangenhaus,
Kommen Ratten, danken ihr,
Jedes finstre Nagetier
Dankt demütig für den Leichenschmaus,
Und der Mücken wilde Gier
Erfüllt die Luft mit Braus.







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