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Aus der Welt der Literatur



2007-08-14
Früchte des Zorns (John Steinbeck / Deutscher Taschenbuch Verlag / ISBN 978-3-423-10474-6)

Vielen gilt dieses Buch, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, als Steinbecks wichtigstes Werk und wohl auch mitausschlaggebend für die Verleihung des Literaturnobelpreises 1962. Steinbeck verhehlte nie seine Hinwendung zu den Verarmten, Entrechteten, machte sich zum anklagenden Fürsprecher der vom Leben und der Welt mißachteten Menschen, denen damals im Süden der USA oft nicht viel mehr blieb als die nackte Existenz, geschunden, ausgebeutet, drangsaliert von Banken und Großgrundbesitzern. Er wurde deswegen heftig angefeindet; zeitweilig war das Buch verboten, wurde mancherorts öffentlich verbrannt.
In den 30iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verwüsteten anhaltende Dürren in den Südstaaten weite Landstriche, führten zu katastrophalen Mißernten und stürzten kleine Farmer und die noch stärker betroffenen Wanderarbeiter in Not und Elend. Steinbeck gab jenen Menschen durch dieses Buch 1939 eine Stimme.


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Textauszug (1. Kapitel des Buches):


Über das rote Land und einen Teil des grauen Landes von Oklahoma fiel sanft der letzte Regen, aber er schnitt nicht in die rissige Erde ein. Die Pflüge kreuzten wieder und immer wieder die kleinen Furchen der Bäche. Der letzte Regen ließ das Korn und das Unkraut und das Gras am Rande der Straßen rasch wachsen, und bald begann das graue Land und das dunkelrote Land unter einer grünen Decke zu verschwinden. Am Ende des Monats Mai wurde der Himmel bleich, und die Wolken, die in dichten Ballen den ganzen Frühling über herabgehangen hatten, lösten sich auf. Die Sonne brannte hernieder auf das wachsende Korn, Tag für Tag, bis die grünen Speere an den Rändern braune Streifen bekamen. Wolken tauchten auf und verschwanden wieder, und nach einer Weile kamen sie überhaupt nicht mehr. Das Unkraut wurde dunkelgrün, um sich zu schützen, aber es wucherte nicht mehr. Die Erde setzte eine Kruste an, eine dünne, harte Kruste, und wie der Himmel bleich wurde, so wurde auch die Erde bleich – blaßrot das rote Land und weiß das graue Land. In den Wasserrinnen zertrocknete die Erde zu Staub, zu trockenen kleinen Strömen. Goffer und Ameisenlöwen setzten kleine Lawinen in Bewegung. Und da die stechende Sonne Tag für Tag herniederbrannte, blieb das Korn nicht mehr steif und aufrecht. Erst beugte es sich nur ein wenig, und dann, als auch die starken Mittelrippen ihre Kraft verloren, neigten sich die Blätter ganz nach unten.
Dann kam der Juni, und die Sonne schien nun noch brennender. Die braunen Streifen an den Getreideblättern verbreiterten sich bis zu den Mittelrippen. Das Unkraut wurde welk und trocknete ein. Die Luft war dünn und der Himmel noch bleicher, und mit jedem Tag bleichte auch die Erde mehr.

Auf den Straßen, wo die Gespanne entlangzogen, wo die Räder den Boden zermahlten und die Hufe der Pferde den Boden zertraten, brach die Schmutzkruste, und Staub bildete sich. Jedes sich bewegende Ding hob den Staub in die Luft: bei einem Menschen hob er sich bis zu den Hüften, bei einem Wagen bis über die Plane, und ein Auto wirbelte eine mächtige Wolke hinter sich auf. Es dauerte lange, bis der Staub sich wieder gelegt hatte.
Als der Juni zur Hälfte vorüber war, kamen von Texas und dem Golf her Wolken, hohe, schwere Wolken, Regenköpfe. Die Männer auf den Feldern blickten auf zu den Wolken und schnüffelten und hielten angefeuchtete Finger hoch, um zu spüren, woher der Wind kam. Und die Pferde waren unruhig, solange die Wolken am Himmel standen. Die Regenköpfe ließen ein paar Spritzer fallen und zogen eilends weiter in ein anderes Land. Hinter ihnen war der Himmel wieder bleich, und die Sonne stach. Im Staub, dort wo die Tropfen niedergefallen waren, hatten sich kleine Krater gebildet, und die Getreidehalme hatten hier und da saubere Stellen – und das war alles.
Ein sanfter Wind folgte den Regenwolken und trieb sie nach Westen, ein Wind, der leise durch das trockene Korn strich. Ein Tag verging, und der Wind wurde, gleichmäßig und ohne Stoßböen, immer stärker. Der Staub flog von den Straßen auf und breitete sich aus und fiel auf das Unkraut am Rande der Felder. Dann wurde der Wind noch stärker und heftiger und griff auch die Regenkruste in den Kornfeldern an. Nach und nach verdunkelte sich der Himmel vom Staub, und der Wind strich über die Erde, lockerte den Staub und trug ihn davon. Der Wind wurde stärker. Die Regenkruste brach, und der Staub erhob sich über die Kornfelder und flog gleich trägem Rauch in grauen Schleiern in die Luft. Das Korn schlug den Wind und machte ein trockenes, raschelndes Geräusch. Der feinste Staub senkt sich nicht wieder auf die Erde herab, sondern verschwand im dunkelnden Himmel.

Der Wind wurde stärker, fegte unter die Steine, trug Stroh und alte Blätter, ja selbst kleine Klumpen davon und zeichnete seinen Weg ab, wenn er über die Felder strich. Die Luft und der Himmel verdunkelten sich, und die Sonne schien rötlich hindurch, und es war ein empfindliches Stechen in der Luft. In der Nacht jagte der Wind noch heftiger über das Land, grub geschickt an den Wurzeln der Getreidehalme, und die Getreidehalme wehrten sich gegen den Wind mit ihren welken Blättern, bis die Wurzeln frei waren. Da legten die Halme sich seitwärts zur Erde, und ihre Spitzen deuteten in die Richtung des Windes.
Es kam die Dämmerung, aber es kam kein Tag. Am grauen Himmel erschien eine rote Sonne, eine verschwommene rote Scheibe, die wenig Licht gab, und als der Tag vorrückte, wurde aus der Dämmerung wieder Dunkelheit, und der Wind heulte über das gefallene Korn hinweg.
Die Männer und Frauen drängten sich in ihre Häuser, und wenn sie hinausgingen, banden sie sich Taschentücher um die Nasen und trugen Brillen, um ihre Augen zu schützen.

Als die Nacht wiederkam, war es schwarze Nacht, denn die Sterne konnten den Staub nicht durchdringen, und die Lichter in den Fenstern breiteten ihren Schein nicht über den eigenen Hof hinaus. Jetzt war der Staub gleichmäßig mit der Luft vermischt, eine Mischung aus Staub und Luft. Die Häuser wurden dicht verschlossen und Tücher um die Fenster und Türen gelegt, aber der Staub drang doch herein, so dünn, daß er gar nicht zu sehen war, und er legte sich wie Pollen auf die Teller, auf die Tische und Stühle. Die Leute wischten ihn sich von den Schultern. Kleine Wälle von Staub lagen auf den Türschwellen.
In der Mitte jener Nacht trieb der Wind weiter und ließ das Land in Frieden. Die staubgefüllte Luft dämpfte alle Laute, noch mehr als Nebel es tut. Die Menschen, die in ihren Betten lagen, hörten, daß der Wind schwieg. Sie erwachten davon. Sie waren ganz ruhig und lauschten in die Stille hinein. Dann krähten die Hähne, und das Krähen klang gedämpft, und die Leute wälzten sich in ihren Betten und wünschten den Morgen herbei. Sie wußten, es würde lange dauern, bis der Staub sich aus der Luft wieder herabgesenkt hatte.
Am Morgen hing der Staub dicht wie Nebel über der Erde, und die Sonne war rot, wie frisches, reifes Blut. Den ganzen Tag lang rieselte der Staub vom Himmel, und auch am nächsten Tag noch rieselte er herab. Eine gleichmäßige Decke breitete sich über die Erde. Der Staub legte sich auf das Korn, auf die Spitzen der Zaunpfähle, auf die Drähte und auf die Dächer, auf das Unkraut und auf die Bäume.

Die Männer kamen aus ihren Häusern und rochen die heiße, stechende Luft und bedeckten schützend ihre Nasen. Und die Kinder kamen aus den Häusern, aber sie rannten nicht und schrien nicht, wie sie es nach einem Regen getan hätten. Die Männer standen an ihren Zäunen und blickten auf das verdorbene Korn, das jetzt rasch vertrocknete und unter der Staubschicht nur noch ganz wenig Grün sehen ließ. Die Männer schwiegen und bewegten sich nicht viel. Und die Frauen kamen aus den Häusern und stellten sich neben ihre Männer und versuchten herauszuspüren, ob diesmal die Männer zusammenbrechen würden. Die Frauen forschten heimlich in den Gesichtern der Männer, denn das Korn mochte verderben, solange noch etwas anderes blieb. Die Kinder standen daneben und zeichneten mit ihren nackten Zehen Figuren in den Staub und versuchten mit tastenden Sinnen zu ergründen, ob die Männer und Frauen zusammenbrechen würden. Die Kinder blinzelten auf zu den Gesichtern der Männer und Frauen und zeichneten mit ihren Zehen bedächtig Linien in den Staub. Die Pferde kamen zu den Wassertrögen und schnaubten, um den Staub vom Wasser zu vertreiben. Nach einer Weile wich der Ausdruck trunkener Bestürzung aus den Gesichtern der Männer, und sie wurden hart und zornig und entschlossen. Da wußten die Frauen, daß sie gerettet waren und daß kein Zusammenbruch kommen würde. Dann fragten sie: Was tun wir nun? Und die Männer antworteten: Ich weiß nicht. Aber es war alles gut. Die Frauen wußten, daß alles gut war, und die Kinder wußten, daß alles gut war. In ihrem tiefsten Innern wußten die Frauen und Kinder, daß ein Unglück nicht zu schwer zu ertragen war, wenn ihre Männer unversehrt blieben.

Die Frauen gingen in die Häuser an ihre Arbeit, und die Kinder begannen zu spielen – noch zaghaft zuerst. Während der Tag vorrückte, verlor die Sonne allmählich ihr Rot. Sie brannte hernieder auf das staubbedeckte Land. Die Männer saßen auf den Türschwellen ihrer Häuser, und ihre Hände spielten mit Stöcken und Steinchen. Die Männer saßen still – nachdenkend und überlegend.






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