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Aus der Welt der Literatur



2007-08-06
Bericht aus einer Kindheit (Mascha Kaléko)

An der Schwelle zum Erwachsensein, halb Kind, halb Frau, am Ende jener Jahre, die Georg Heym als „das Land, das lange dauert, ehe es versinkt“ beschrieb, damit die Kindheit meinte. Verstörende Gefühle beginnen sich zu regen, machen glückselig und bang zugleich, die Mutter ahnungslos daneben. Wunderschöne Zeilen von Mascha Kaléko.

Das Gedicht wurde dem Band "Die paar leuchtenden Jahre" (Deutscher Taschenbuch Verlag / ISBN 3-423-13149-7) entnommen. Am 7. Juni 2007 jährte sich der Geburtstag Mascha Kalékos zum Hundertsten Mal.

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Bericht aus einer Kindheit

Weil er die Geige spielte wie ein Engel,
Vorausgesetzt, daß Engel Geige spielen,
Gehörte ihm mein halb erwachtes Herz
Mit seinen höchst verwirrenden Gefühlen.

Vom Reich der Kindheit offiziell verbannt,
Das Tor zur Welt der Großen noch versperrt,
So schwebte ich in meinem Niemandsland
Und lebte für ein Violinkonzert.

Da saß ich denn in der Philharmonie
Und schämte mich der dummen fünfzehn Jahre.
Das Schottenröckchen reichte kaum ans Knie,
Und auf dem Podium stand der Wunderbare

Und musizierte sich stracks in mein Leben,
Trug seinen Namen in mein Schicksal ein.
Mama in schwarzem Taft saß dicht daneben
Und ahnte nichts. Und ich war so allein.

So einsam war die Welt in jenem Herbst.
Die Ahornbäume sandten ihren herben
Oktoberduft zum Abschied in den Park.
Ich lernte damals unauffällig sterben.











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