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Aus der Welt der Literatur



2007-07-18
Der Gott der Stadt (Georg Heym)

Georg Heym verfaßte dieses Gedicht 1910, mit 22 Jahren. Schier unglaublich ist die Vorstellung, daß er in diesem Alter, auf dem damaligen Entwicklungsstand, solche Zeilen niederschrieb.
Er nahm sich des Themas an, das immer schon die Literatur beflügelte: Städte, seit alters her steingewordene Monumente menschlichen Hochmuts, Zeugnisse von Zügellosigkeit und Verblendung, Orte des Bösen und Verkommenen. Ninive, Babel, Sodom und Gomorrha, Atlantis oder auch, aus neuerer Zeit, Rungholt .......Überlieferungen, Erdachtes und Geschehenes, Sagen und Legenden ranken sich um ihr Schicksal und das ihrer Bewohner. Nur zwei Jahre später, mit 24 Jahren, ertrank Heym beim Schlittschuhlaufen in der Havel. Eine der hoffnungsvollsten deutschsprachigen lyrischen Stimmen des angehenden 20. Jahrhunderts verstummte für immer.

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Der Gott der Stadt

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.



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