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Aus der Welt der Literatur



2007-05-23
Georg Heym Lesebuch (C. H. Beck Verlag, München / ISBN 3-406-09816-9)

Heym ertrank - erst 24-jährig - 1912 beim Schlittschuhlaufen auf der Havel. Es heißt, daß er dem im Eis eingebrochenen Freund zur Hilfe eilen wollte. Heym schuf - trotz der wenigen Jahre, die ihm bestimmt waren - ein bemerkenswertes literarisches Werk, das, neben der außerordentlichen schriftstellerischen Begabung, von einer ungewöhnlichen Lebensreife schon in frühen Jahren zeugt

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Auszug aus seinem Tagebuch:

26.06.1910

Ohne Zweifel ist die Idee eines morallosen Schicksals tiefer als die eines moralischen – moralisch zu sein gezwungenen – Gottes.
Welch eine Wendung durch Gottes Fügung? Warum, wieso durch Gottes Fügung? Hatte Napoleon nicht dasselbe Anrecht auf diese Fügung?

Ich führe den Beweis, daß kein Gott existiert, wenigstens kein guter Gott. Einer Witwe sterben alle Kinder nach und nach fort. Sie bittet jede Nacht, ihr das letzte zu erhalten. Es stirbt. Warum? Was ist hier die moralische Idee? Man wendet das jämmerliche Wort ein: Gottes Gedanken sind höher als die Gedanken der Menschen. Was hätte jeder höhere Gedanke hier für einen Sinn, wenn er nicht einmal diese einfache schlichte Forderung erfüllt.

Wäre ein guter Gott, sein Herz hätte ihm zittern müssen bei soviel Leid; er hätte nicht nur den Sohn im Leben behalten, er hätte alle toten Söhne aus den Knochenhäusern kommen heißen. Der gute Gott sitzt oben hinter den Wolken und rührt sich nicht. Das ist alles Stein, taub, hohl und leer.
Viel eher ist die Idee eines bösen Gottes oder eines bösen Schicksals möglich. Denn, alles was geschieht, ist und wird böse. Das Glück ragt kaum aus dem Staube hervor, nicht mehr wie ein Goldstäubchen in einer Sandwüste. Warum hält sich die Macht immer versteckt, warum zeigt Er sich nie, he? Weil er liebelos ist, kalt und stumm wie die Wolkenbilder, die ewig die der Erde abgewandten Köpfe vor sich hertragen, als wüßten sie um ein schreckliches Geheimnis und müßten es durch alle Zeiten mit sich tragen zu einem dunklen unbekannten und weiten Ziel.


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Heym, nur ein mittelmäßiger Schüler, sitzengeblieben, schließlich das Abitur, hin- und hergerissen zwischen beruflicher Orientierungslosigkeit, unstetem Verliebtsein und düsteren Lebensahnungen.

An jenem Wintertag 1912 verstummte mit Heym eine der begabtesten, ja, begnadetsten deutschsprachigen lyrischen Stimmen des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts; gleichwohl hinterließ er ein bereits bemerkenswert umfangreiches literarisches Werk, das bis zum heutigen Tag nichts an Größe verloren hat.

Auf den Grabstein setzten die Eltern nicht seinen Namen, sondern nur diese Inschrift:

„Ich habe Dich je und je geliebet,
darum habe ich Dich zu mir gezogen
aus lauter Güte“ (Jer. 31.3)




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