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Aus der Welt der Literatur



2007-05-04
Das Bildnis der Dorian Gray (Oscar Wilde / Insel Verlag / ISBN 3-458-32543-3)

Von Oscar Wildes Erzählungen ist diese wohl seine bekannteste. Sie erschien 1890; nicht wenige Analysten wollen in der märchenhafte Züge aufweisenden Geschichte ansatzweise autobiographische Spuren entdeckt haben. Kunst, Schönheit um ihrer selbst willen, ohne jeden Sinn, ohne jeden Zweck. Nahe der Dekadenz. Oder schon deren Gefährtin? Selbstverliebtheit, panische Angst vor dem Verlust der Jugendlichkeit. Mit diesem Buch schuf Oscar Wilde, der sich für die damalige Zeit früh zu seiner Homosexualität bekannte, wohl eines der bekanntesten narzißtisch geprägten Werke der Weltliteratur.


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Textauszug:

„Die Geschichte ist einfach die“, sagt der Maler nach einer Weile. „Vor zwei Monaten ging ich einmal zu einem Gesellschaftsrummel bei Lady Brandon. Du weißt, wir armen Künstler müssen uns von Zeit zu Zeit in der Gesellschaft sehen lassen, bloß um dem Publikum ins Gedächtnis zu rufen, daß wir keine Wilden sind. Mit einem Gesellschaftsanzug und einer weißen Binde, wie du mir einmal sagtest, kann jeder, selbst ein Börsenmakler, in den Ruf eines Gebildeten kommen. Nun, ich war etwa zehn Minuten da und plauderte mit umfangreichen, überladenen, vornehmen Witwen und langweiligen Akademikern, als mir plötzlich ins Bewußtsein kam, daß mich jemand ansah. Ich drehte mich halb um und erblickte zum ersten Mal Dorian Gray. Als unsere Augen sich trafen, fühlte ich, daß ich blaß wurde. Ein seltsames Gefühl des Bangens überkam mich. Ich spürte, ich stand einem von Angesicht zu Angesicht gegenüber, dessen bloße Erscheinung so bezaubernd war, daß sie, wenn ich es ihr gestattete, meine ganze Natur, meine ganze Seele und sogar meine Kunst an sich reißen mußte. Ich brauchte in meinem Leben keinerlei Einwirkung von außen. Du weißt selbst, Harry, wie unabhängig ich von Natur aus bin. Ich bin immer mein eigener Herr gewesen; war es zum mindesten gewesen, bis ich Dorian Gray getroffen habe. Dann – aber ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Ich hatte ein Vorgefühl, daß ich unmittelbar vor einer furchtbaren Krise in meinem Leben stehe. Ich hatte die seltsame Empfindung, das Schicksal halte erlesene Freuden und erlesene Schmerzen für mich in Bereitschaft. Mich schauderte, und ich wandte mich zum Gehen. Es war nicht das Gewissen, was mich dazu trieb; es war eine Art Feigheit. Ich rechne es mir nicht zur Ehre an, daß ich zu fliehen versuchte.“

„Gewissen und Feigheit sind in Wahrheit ein und dasselbe. Gewissen ist der eingetragene Name der Firma, weiter nichts.“
„Ich glaube das nicht, Harry, und ich glaube, auch du nicht. Indessen, das oder jenes mag mein Motiv gewesen sein – vielleicht war es Trotz, ich bin immer sehr stolz gewesen –, gewiß ist, daß ich die Tür erreichen wollte. Dort natürlich prallte ich mit Lady Brandon zusammen. ‚Sie werden doch nicht so früh weglaufen wollen, Herr Hallward?’ schrie sie. Du kennst ihre seltsam gellende Stimme?“
„O ja, die Dame ist, von der Schönheit abgesehen, ein Pfau“, sagt Lord Henry und zerzupfte mit seinen langen, nervösen Fingern das Gänseblümchen.
„Ich konnte mich nicht von ihr losmachen. Sie produzierte mich königlichen Hoheiten und Leuten mit Sternen und Hosenbandorden und ältlichen Damen mit riesenhaften Diademen und Papageinasen. Sie sprach von mir als von ihrem besten Freund. Wir hatten uns ein einziges Mal vorher gesehen, aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, mich als berühmten Mann zu behandeln. Ich glaube, irgendein Bild von mir hatte gerade großen Erfolg gehabt, oder es war wenigstens in den Abendblättern davon geschwatzt worden, und das ist der Unsterblichkeitsmaßstab unsres Jahrhunderts. Plötzlich befand ich mich dem jungen Manne gegenüber, dessen Erscheinung mich so sonderbar erschüttert hatte. Wir waren einander ganz nahe und berührten uns fast. Unsre Augen trafen sich wieder. Es war unbedacht von mir, aber ich bat Lady Brandon, mich ihm vorzustellen. Vielleicht war es, alles erwogen, nicht so unbedacht. Es war einfach unvermeidlich. Wir hätten angefangen, miteinander zu sprechen, auch ohne jede Vorstellung – dessen bin ich sicher. Dorian sagte es mir später. Auch er hatte das Gefühl, daß wir dazu bestimmt waren, einander kennenzulernen.“

„Und was für eine Beschreibung gab Lady Brandon von diesem wunderbaren Jüngling?“ fragte sein Gefährte. „Ich weiß, es ist ihre Art, von allen ihren Gästen einen kurzen Abriß zu geben. Ich erinnere mich, sie stellte mich einmal einem schauderhaften rotbackigen alten Herrn vor, der über und über mit Orden und Bändern bedeckt war, und zischte mir dabei mit einem tragischen Geflüster, das jeder im Zimmer vollkommen deutlich hören mußte, die erstaunlichsten Details ins Ohr. Es blieb mir nichts übrig, als wegzulaufen. Ich komme den Menschen gern von mir selbst auf den Grund. Aber Lady Brandon behandelt ihre Gäste genau wie ein Auktionator seine Waren. Sie erklärt sie entweder vollständig fort, oder erzählt einem alles von ihnen, mit Ausnahme dessen, was man wissen möchte.“
„Arme Lady Brandon! Du bist hart gegen sie, Harry“, sagte Hallward in zerstreutem Ton.
„Lieber Junge, sie wollte einen Salon gründen, aber es gelang ihr nur, ein Restaurant zu eröffnen. Wie könnte ich sie bewundern! Aber, sage mir, wie sprach sie über Herrn Dorian Gray?“
„Oh, etwa: ‚Ein reizender junger Mensch – die arme Mutter und ich ganz unzertrennlich. Vergaß ganz, was er tut – fürchte, er – tut gar nichts – ach ja, er spielt Klavier – oder war es Geige, Herr Gray?’ Wir mußten beide lachen, und wir wurden sofort Freunde.“
„Lachen ist für eine Freundschaft noch lange nicht der schlechteste Anfang und ist weitaus das beste Ende für sie“, sagte der junge Lord und pflückte ein neues Gänseblümchen.

Hallward schüttelte den Kopf. „Du verstehst nicht, was Freundschaft ist, Harry“, murmelte er, „und ebensowenig, was Feindschaft ist. Du magst alle Welt; das heißt, dir sind alle gleichgültig.“
„Wie schrecklich ungerecht von dir!“ rief Lord Henry, schob seinen Hut zurück und blickte zu den Wölkchen empor, die wie verwirrte Strähnen glänzender weißer Seide über das Türkisgewölbe des Sommerhimmels dahintrieben.
„Ja, schrecklich ungerecht von dir. Ich unterscheide sehr zwischen den Menschen. Ich wähle meine Freunde nach ihrem guten Aussehen, meine Bekannten nach ihrem guten Charakter und meine Feinde nach ihrem guten Verstand. Man kann nicht vorsichtig genug in der Auswahl seiner Feinde sein. Ich habe keinen einzigen erlangt, der dumm ist. Es sind alles Leute von einer gewissen geistigen Stärke, und daher schätzen sie mich alle. Ist das sehr eitel von mir? Ich glaube, es ist ein bißchen eitel.“
„Ich glaube auch, Harry. Aber nach deiner Einteilung kann ich bloß ein Bekannter von dir sein.“
„Mein lieber alter Basil, du bist viel mehr als ein Bekannter.“
„Und viel weniger als ein Freund. Eine Art Bruder vermutlich?“
„Oh, Bruder! Ich mache mir nichts aus Brüdern. Mein ältester Bruder denkt nicht ans Sterben, und meine jüngeren scheinen nichts anderes zu tun.“
„Harry!“ rief Hallward und runzelte die Stirn.
„Lieber Junge, ich rede nicht ganz ernsthaft. Aber ich kann mir nicht helfen. Ich verabscheue meine Verwandten. Ich vermute, das ist der Tatsache zuzuschreiben, daß kein Mensch andre Menschen ausstehen kann, die dieselben Fehler wie er selbst haben. Ich verstehe den Zorn der englischen Demokratie gegen das, was sie die Laster der oberen Stände nennen, vollkommen. Die Massen fühlen, daß Trunkenheit, Dummheit und Unmoral ihre eigene Domäne seit sollten und daß jemand von uns, der sich bloßstellt, auf ihren Jagdgründen wildert. Beim Ehescheidungsprozeß des armen Southwark war ihre Entrüstung ganz prachtvoll.
Und doch möchte ich behaupten, daß nicht zehn Prozent im Proletariat vorschriftsgemäß leben.“
„Ich stimme keinem einzigen Wort zu, das du da gesagt hast, und was mehr ist, Harry, ich bin sicher, du auch nicht.“

Lord Henry strich seinen braunen Spitzbart und klopfte mit seinem zierlichen Ebenholzstock gegen die Spitze seines eleganten Stiefels. „Wie englisch du bist, Basil! Zum zweiten Mal hast du jetzt diese Bemerkung gemacht. Wenn man einem richtigen Engländer eine Idee vorträgt – schon an sich eine Tollkühnheit –, denkt er nie daran zu erwägen, ob die Idee richtig oder falsch ist. Das einzige, was ihm von Bedeutung scheint, ist, ob man selbst daran glaubt. Aber der Wert einer Idee hat nicht das mindeste mit der Aufrichtigkeit des Menschen zu tun, der sie vorbringt. In Wahrheit ist es wahrscheinlich, daß, je unaufrichtiger der Mensch ist, um so mehr rein geistig die Idee sein wird, da sie in diesem Fall weder von seinen Bedürfnissen und Wünschen noch von seinen Vorurteilen gefärbt sein wird. Indessen habe ich nicht die Absicht, Politik, Soziologie oder Metaphysik mit dir zu treiben. Ich mache mir mehr aus Personen als aus Prinzipien, und nichts liebe ich mehr als Personen ohne Prinzipien. Erzähle mir mehr von Herrn Dorian Gray. Wie oft siehst du ihn?“








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