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Aus der Welt der Literatur



2007-04-24
Vor dem Spiegel (Mascha Kaléko)

Verlust der Kindheit, das allmähliche Begreifen dessen, was Leben heißt, was es mit sich bringt für den Menschen, was es ihm anzutun imstande ist. Und schließlich auch tut. Davon schrieb Mascha Kaléko in vielen ihrer Gedichte. Sie starb im Januar 1975, wurde 67 Jahre alt. Ihr einziges Kind, ihren ebenfalls künstlerisch ambitionierten Sohn verlor sie 1968, seinen Vater, ihren zweiten Mann, ein Jahr vor ihrem eigenen Tod.

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Vor dem Spiegel (Mascha Kaléko)


Wo blieb das kleine Mädchen mit den Zöpfen...
Dem blauen Schulkleid mit den Perlmuttknöpfen,
– Auf Zehenspitzen seine stumpfe Nase
Noch stumpfer pressend an dem Spiegelglase,
Um, wie´ s der alten Köchin einst geschehen,
Das ferne Bild der Zukunft drin zu sehen ...
Oh, Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wohin hast du das Kind verbannt?

Die Zukunft suchte ich in vielen Spiegeln;
Doch blieb sie mir ein Buch mit sieben Siegeln.
Nun reck ich mich im Spiegel dieser Zeit
Und such darin nach der Vergangenheit.
Er aber zeigt mir unverwandt und hart
Das fremde Antlitz dieser Gegenwart,
Verweigernd mir mein eigenstes Gesicht.
– davon sprach die alte Köchin nicht.



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