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Aus der Welt der Literatur



2006-12-10
Die Geschichte von Herrn Sommer (Patrick Süskind / Diogenes Verlag / ISBN 3-257-22664-0)

Patrick Süskinds Ruhm gründet sich im wesentlichen auf „Das Parfum“. Doch er schrieb noch weitere verstörende Romane, so zum Beispiel „Die Geschichte von Herrn Sommer“. Ein Einzelgänger, skurriler Sonderling, in irrwitziger Weise auf den Beinen, stets unterwegs, mit großen Schritten, einen Stock umklammert, scheinbar ziellos, unablässig, atemlos, der Welt entrückt. Niemand kennt ihn wirklich, alle sehen ihn. Und eines Tages ist er fort, verschwunden, ohne Spur, er löste sich auf, wird kaum vermißt, rasch vergessen. Nur einer weiß, wo er hin ist und schweigt. Der große See liegt unberührt wie zuvor.

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Textauszug:

Im ersten Augenblick dachte ich, er habe keine Schuhe an. Aber dann sah ich, daß er bis über die Stiefel im Wasser stand, ein paar Meter vom Ufer entfernt, mit dem Rücken zu mir, nach Westen schauend, hinüber ans andere Ufer, wo sich hinter den Bergen noch ein letzter Streifen weißgelben Lichts hielt. Er stand da wie ein eingerammter Pfosten, eine dunkle Silhouette vor dem hellen Spiegel des Sees, den langen gewellten Stock in der Rechten, den Strohhut auf dem Kopf.

Und dann, unvermittelt, setzte er sich in Bewegung. Schritt für Schritt, bei jedem dritten Schritt den Stock nach vorne stechend und nach hinten abstoßend, ging Herr Sommer in den See. Ging, als ginge er über Land, in der für ihn typischen zielstrebigen Hast, mitten in den See hinein, schnurgerade nach Westen. Der See ist flach an dieser Stelle, die Tiefe nimmt nur ganz allmählich zu. Nachdem er zwanzig Meter gegangen, reichte Herrn Sommer das Wasser gerade erst über die Hüfte, und als es ihm bis zur Brust gestiegen, war er schon über einen Steinwurf vom Ufer entfernt. Und ging weiter, in nun zwar vom Wasser verlangsamter Eile, aber unaufhaltsam, ohne einen Augenblick zu zögern, verbissen, gierig fast, noch schneller gegen das hinderliche Wasser voranzukommen, schließlich seinen Stock von sich werfend und mit den Armen rudernd.
Ich stand am Ufer und starrte ihm nach, mit großen Augen und offenem Mund, ich glaube, ich muß so ausgesehen haben wie einer, dem man eine spannende Geschichte erzählt.






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