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Aus der Welt der Literatur



2006-09-03
Mr. und Mrs. Derdon (Maeve Brennan / Steidl-Verlag / ISBN 3-86521-247-6)

“Die Hölle, das sind die anderen”, sagte einst Sartre und meinte die Menschen. Und diese Hölle glüht an vielen Orten. Kein großes, einziges Lodern, nein, unzählige kleine Flämmchen, verborgen fast, nur von jenen wahrzunehmen, die ihnen am nächsten sind. In ihnen verglüht nichts vollständig, löst sich nichts endgültig auf. Es ist mehr ein leichtes Glimmen, ein Sengen, das sich, einmal begonnen, quälend langsam, doch unaufhaltsam ausbreitet und kaum mehr zu löschen ist.
Kommen Menschen einander näher, bedarf es nicht viel, eines ersten und einzigen Funkens vielleicht, um die zerstörerische Glut zu entfachen, gleich dem in der Sommerhitze knisternden Gehölz.

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Textauszug

Das Fenster hinter ihm war ein großes rechteckiges, fast quadratisches Schiebefenster, das auf die Mauer am Ende des Gartens blickte. Auf der anderen Seite der Mauer lagen die Plätze des Tennisklubs. Für Hubert und Rose zählten die Mitglieder des Tennisclubs zur lebenslustigen Schickeria, und Hubert nannte sie eine nichtswürdige Bagage. An Samstagabenden klang aus dem großen Anbau des Klubhauses Tanzmusik herüber. Die Mitglieder nannten den neuen Anbau „Pavillon“. Die Tanzmusik störte Hubert, und obwohl Rose früher gern getanzt hatte, erhob sie nie Einspruch, wenn er aufstand und das Fenster schloß, damit sie wenigstens im Haus ihre liebe Ruhe hätten. Der Eingang zum Klub befand sich an der Hauptstraße, die an dem Ende der Zeile kleiner Häuser vorbeiführte, in dem die Derdons wohnten. Auf einer Seite stieß das Klubgrundstück an die lange rückwärtige Mauer, die die sechsundzwanzig Gärten im Besitz der Derdons und ihrer Nachbarn verband. Das andere Ende der Klubanlagen wurde von einem Wäldchen begrenzt. Wäre Hubert ans Fenster getreten, so hätte er die Baumwipfel hinter den Tennisplätzen erblickt, und hinter den Bäumen, auf ihn einstürmend, den Himmel. Aber er rührte sich nicht. Er saß da und lauschte.

Das Fenster stand oben einen Spaltbreit offen, und er konnte die zänkische Alte von nebenan hören, die ihre Tochter beschimpfte; diese war in mittleren Jahren, unverheiratet und lebte mit ihrer Mutter zusammen, kochte und führte ihr den Haushalt und linderte ihre gelegentlichen rebellischen Wutanfälle mit geräuschsvollen Weinkrämpfen, die man bis in die Küche und ins hintere Wohnzimmer der Derdons hören konnte. Der Nachbargarten war eine Wildnis aus Efeu, Brennesseln und vernachlässigten Kohlköpfen. Es war ein erbarmungswürdiger Haushalt. Hubert hoffte, daß die unglückliche Tochter an diesem Abend keinen Weinkrampf bekäme, und er wünschte, die beiden Frauen würden in eine Irrenanstalt eingewiesen, und nebenan würde ein lediger Mann einziehen, der nie zu Hause wäre. Er lauschte auf die dünne, grausame Stimme der Alten und meinte, das hysterische Schweigen ihrer Tochter zu hören.

Von den Tennisplätzen vernahm er undeutlich Stimmen, und er hörte den großen Collie der Donovans, der mitleiderregend winselte und an seiner Kette zerrte. Sie fesselte ihn an die beengte Hütte, in der er von klein auf hauste. Die Donovans hielten den Hund zum Schutz vor Einbrechern. Hubert wünschte, ein Einbrecher würde über die rückwärtige Mauer klettern und den Hund befreien, der sogleich ins Haus springen und Tim Donovan, seine Frau und ihre drei unverschämten Gören zerfleischen und vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben genügend zu fressen haben würde.

Er hörte mehr, als er verkraften konnte. Das hintere Wohnzimmer begann sich mit einem Leben zu füllen, das er verachtete und mit Menschen, die er verabscheute, doch wußte er sich nicht zur Wehr zu setzen. Er hätte das Fenster schließen können, aber er war überzeugt, daß Rose, sobald er mit hocherhobenen Armen dastünde, um das Fenster zuzuschieben, die Küchentür öffnen und in den Garten hinaustreten würde, und er wollte sie nicht sehen. Er wollte sie nicht sehen, weil sie ihm gleichgültig war. Das war der erste wahre Satz, den er seit langem laut gedacht hatte, und er war froh, daß er endlich heraus war. Sie war ihm schlichtweg gleichgültig. Sie war ihm vollkommen einerlei, und er konnte nicht verstehen, wieso er das nicht schon vor langer Zeit gemerkt hatte. Die Vorstellung, sie zu sehen, sich mit ihr unterhalten und weiter mit ihr in demselben Haus leben zu müssen, war ihm unerträglich. Er konnte nicht an sie denken, ohne die zitternde Unaufrichtigkeit ihrer Miene vor sich zu sehen, und er fragte sich, ob der Versuch, sie direkt anzusprechen, die Mühe jemals wieder lohnen würde.




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