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Aus der Welt der Literatur



2006-06-05
Vindings Spiel (Ketil Bjornstad; Insel Verlag; ISBN 3-458-17292-0)

(Bjornstadt ist Pianist und Komponist; er weiß, wovon er schreibt, wenn er vom Glück und der Qual musikbegeisterter junger Menschen, an der Schwelle zum Erwachsenendasein, erzählt.
Da ist die Musik, geboren aus tausend Gefühlen und Empfindungen. Und dort erwacht jenes Geheimnisvolle, Erregende, das sich in Mädchenaugen findet.)

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Textauszug:

Da geschieht es. Sie spürt meine Anwesenheit. Meine Augen da unten in der dritten Reihe müssen wie glühende Kugeln sein. Plötzlich bin ich der Teufel, so wie Cathrine damals während des Wettbewerbs mein Teufel war. Aber ich rufe nicht bravo. Ich unternehme gar nichts. Ich schaue sie nur an. Ein verzweifelter Verehrer. Ich liebe alles, was sie macht, jede einzelne Note. Sie muß das fühlen. Sie erinnert sich vielleicht, was sie gesagt hat, daß sie diesen Satz für mich spielen wird. Und was meint sie damit? Sie, deren positivste Aussage über mich darin bestand, daß ich nett bin. Das ist nicht gerade das, was ein achtzehn Jahre alter Junge von der Liebe seines Lebens hören möchte.
Sie wirft einen raschen Blick in den Saal. Vielleicht nur eine halbe Sekunde lang. Unsere Blicke begegnen sich. Sie greift fast daneben. Zögert. Ein häßlicher Verspieler. Dann eine Gedächtnislücke, sie fällt aus der Solopartie. Das Orchester spielt erbarmungslos weiter. Sie haben keine andere Wahl. Ich kneife mich in den Oberschenkel. Das ist nicht wahr. Muß bei ihr das Schlimmste passieren? Bei Anja Skoog? Das, was wir alle am meisten fürchten. Denn wie lernen wir die Musik auswendig? Woran erinnern wir uns eigentlich, wenn wir gezwungen werden, auswendig zu spielen? Ist es das Notenbild? Die Motorik der Finger? Die Musik an sich? Keiner von uns weiß es. Vielleicht ein Zusammenspiel zwischen verschiedenen Arten des Erinnerns. Im Grunde erscheint es widernatürlich, Ravels G-Dur-Konzert auswendig zu können. Wie viele tausend Anschläge? Wie viele Akkorde und Positionen? Caridis fährt fort, das Orchester zu dirigieren, aber Anja hat die Hände von den Tasten genommen. Sie schüttelt den Kopf. Kann nicht weiterspielen. Caridis wendet sich ihr zu, wartet, daß sie wieder hineinfindet, aber als sie das nicht tut, gibt er dem Orchester das unerbittliche Zeichen. Alles wird still.



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