Die faszinierende Welt des Wortes
Aus der Welt der Literatur
Ihr Text
Ihre Favoriten
Top-Ten der Belletristik
Buch des Monats
Kontakt
Links
Autoren-Werkstatt
Kritikus
In eigener Sache
Login



Aus der Welt der Literatur



2006-03-30
Eine Kindheit in der Provence (Marcel Pagnol / ISBN 3-7844-1363-3 / Georg Müller Verlag GmbH (München/Wien)

(In unvergeßlicher Manier schrieb Pagnol über seine Kindheit in der Provence, noch immer zählen seine Bücher über die ersten, jeden Menschen so unvergleichlich prägenden Lebensjahre zu den Klassikern der Erinnerungsliteratur. Im Hauptwerk seiner Memoiren „Marcel“ schrieb er am Ende Sätze, wie sie eindrucksvoller die unvermeidliche, die unaufhaltsame Zerstörung des Glücks der Kindheit nicht mehr ausdrücken können.)



Textauszug aus dem Band "Marcel":

Die Zeit vergeht und dreht das Rad des Lebens wie das Wasser das Mühlrad. Fünf Jahre später ging ich hinter einem schwarzen Wagen, dessen Räder so hoch waren, daß ich die Hufe der Pferde sehen konnte. Ich war schwarz gekleidet, und die Hand des kleinen Paul umklammerte die meine mit aller Kraft. Man trug meine Mutter für immer von uns fort.
Von diesem schrecklichen Tag habe ich keine andere Erinnerung, so als ob meine fünfzehn Jahr sich geweigert hätten, einen Schmerz anzuerkennen, der so stark war, daß er mich fast getötet hätte. Noch viele Jahre, als wir schon Männer waren, hatten wir niemals den Mut, von ihr zu sprechen.
Dann wurde der kleine Paul sehr groß. Er überragte mich um Haupteslänge und trug einen Vollbart, einen Bart von goldener Seide. Auf den Hängen des Etoile, die er nie verlassen wollte, hütete er seine Ziegen; abends machte er Käse in einem aus Binsen geflochtenen Sieb, und dann schlief er im Hügelsand, in seinen großen Mantel eingerollt. Er war der letzte Hirt der Antike. Mit dreißig Jahren starb er in einem Krankenhaus. Auf dem Tisch neben dem Bett lag seine Mundharmonika.
Mein lieber Lili begleitete ihn nicht mit mir zu dem kleinen Friedhof von La Treille, denn unter einem Kranz von Immortellen erwartete er selber ihn schon seit Jahren dort. 1917 hatte eine Kugel in einem dunklen Wald des Nordens ihn mitten in die Stirn getroffen und sein junges Leben ausgelöscht; im Regen war er in nasse, kalte Sträucher gefallen, deren Namen er nicht kannte. So ist das Leben der Menschen. Einige Freuden durch unvergeßlichen Kummer schnell zerstört. Kindern soll man das nicht sagen.


(Das Buch ist mit Aussicht auf Erfolg zur Zeit nur über Antiquariate oder das Internetportal "www.zvab.com" zu beziehen.)



<- zurück
Impressum