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Aus der Welt der Literatur



2006-02-12
Marcel - eine Kindheit in der Provence (Marcel Pagnol / Verlag Langen & Müller, München/Wien, ISBN 3-7844—1363-3)

(Kindheit......Hort unbeschwerten, auch seltsamen Spiels und atemloser Wonnen, banger Ungeduld und ersten Ahnens über die Vergänglichkeit des kindlichen Glücks.
Eine Hommage an seine eigenen ersten Jahre, wundervoll erzählt von Marcel Pagnol vor bereits mehr als fünfzig Jahren.)






Textauszug:

Papa hatte uns nicht ohne eine gewissen freigeistige Genugtuung erzähl, daß die Gottesanbeterin eine grausame und mitleidlose Bestie sei, daß man sie als den Tiger unter den Insekten bezeichne und das Studium ihrer Gewohnheiten zum Interessantesten gehöre.
Also beschloß ich, sie zu studieren, das heißt: um einen Kampf zwischen den beiden stärksten Exemplaren zu entfesseln, stellte ich sie einander mit vorgestreckten Zangen gegenüber. Wir konnten unsere Studien bald durch die Feststellung erweitern, daß diese Tiere erst ohne Zangen weiterlebten, dann ohne Füße und schließlich sogar noch mit halbem Kopf. Nach einer Viertelstunde dieser so entzückend kindlichen Belustigung bestand einer der Kämpfer nur noch aus Oberkörper, der, nachdem er Kopf und Rumpf des Gegners verschlungen hatte, ohne sich zu beeilen, die zweite Hälfte des Feindes angriff, die sich immer noch mit leichter Nervosität bewegte. Paul, der ein gutes Herz hatte, stahl die Tube mit Alleskleber, um die beiden Hälften zu einem Ganzen zusammenzuleimen, dem wir dann großzügig die Freiheit schenken wollten. Diese edle Absicht wurde vereitelt, da es dem Bruststück gelang, die Flucht zu ergreifen.

Aber es blieb uns, in einem Glas gefangen, der dritte Tiger. Ich beschloß, ihn den Ameisen auszuliefern, und infolge dieser glücklichen Eingebung genossen wir ein ganz reizendes Schauspiel. Ich stülpte das Gefäß plötzlich um, so daß es mit seiner Öffnung direkt auf dem Haupteingang eines fieberhaft arbeitenden Ameisenhaufens stand. Der Tiger, der länger war als das Glas breit, saß aufrecht auf seinen Hinterfüßen. Sein zapfenförmiger Kopf erlaubte ihm, sich mit der Neugier eines Touristen nach allen Seiten umzusehen. Unterdessen kam eine Schar von Ameisen aus dem Tunnel und machte einen solchen Sturmangriff auf seine Beine, daß er die Ruhe verlor und zu tanzen anfing. Gleichzeitig schnappten seine Fangscheren nach rechts und links, wobei sie jedesmal eine Traube von Ameisen ergriffen, die er seinen Kiefern zuführte, aus denen sie, in zwei Hälften zerschnitten, herausfielen. Da das dicke Glas die Schönheit des Schauspiels beeinträchtigte, und die unbequeme Stellung des Tigers seine Bewegungen hinderte, hielt ich es für meine Pflicht, das Gefäß zu entfernen. Die Gottesanbeterin fiel in ihre natürliche Lage zurück, mit angezogenen Fühlern und allen sechs Füßen auf dem Boden. Aber am Ende jedes Fußes hingen mit erstarrten Kiefern unerbittlich je vier Ameisen, die sich im Kies anklammerten. So, von diesen Liliputanern überwältigt, konnte der Tiger sich ebensowenig bewegen wie Gulliver.
Der Pregadiou griff mit seinen freigebliebenen Fängen immer wieder diese Festungen an und vernichtete ihre Besatzung. Aber noch ehe die in Stücke geschnittenen Ameisen aus seinen Zangen purzelten, hatten schon wieder andere ihren Platz eingenommen, und alles fing von neuem an.

Ich fragte mich, wie diese Situation – die bereits den Anschein eines Dauerzustandes hatte – sich wohl weiterentwickeln würde, als ich bemerkte, daß die Bewegungen seiner Fangzangen langsamer und seltener wurden. Ich schloß daraus, daß der Tiger infolge seiner wirkungslosen Taktik den Mut verlor und sie nun sicher ändern würde. Tatsächlich hörten seine Seitenangriffe nach wenigen Minuten ganz auf.
Sofort ließen die Ameisen von seinem Nacken, seinem Rumpf und seinem Rücken ab. Er blieb regungslos mit gefalteten Zangen sitzen, den Oberkörper beinahe aufrecht auf seinen sechs Beinen, die noch leise zitterten.
Paul sagte: „Er denkt nach.“

Seine Reflexionen schienen mir etwas lange zu dauern, und das Verschwinden der Ameisen machte mich stutzig. Also legte ich mich flach auf den Bauch; und da entdeckte ich die ganze Tragödie.
Unter dem dreiteiligen Schwanz des nachdenklichen Tigers hatten die Ameisen die natürliche Öffnung vergrößert, eine Reihe marschierte hinein, eine andere kam heraus, wie am Eingang eines großen Warenhauses vor Weihnachten. Jede war schwer beladen, und so räumten die fleißigen Hausfrauen das Innere der Gottesanbeterin aus. Der unglückliche Tiger, noch immer reglos und beinahe in sich gekehrt, schien aufmerksam zu beobachten, was in seinem Innern vorging. Mangels Mimik und Sprachvermögen konnte er seiner Marter und Verzweiflung keinen Ausdruck geben, und sein Todeskampf blieb ungestaltet. Wir bemerkten erst, daß er tot war, als die Ameisen die Spitzen seiner Füße losließen und anfingen, die dünne Hülle, die seinen Körper umgeben hatte, zu zerstückeln. Sie sägten den Hals entzwei, schnitten den Rumpf in regelmäßige Scheiben, zerlegten die Füße und lösten elegant wie ein Küchenchef bei einem Hummer die schrecklichen Zangen aus den Gelenken. Dann wurde alles unter die Erde gebracht und im Innern irgendeiner Vorratskammer wohlgeordnet verstaut. Nur die schönen grünen Flügel, die ihn so stolz durch die Dschungel der Gräser getragen und Feind und Beute mit Schrecken erfüll hatten, blieben auf dem Kies zurück. Von den Ameisen-Hausfrauen verachtet, gestanden sie traurig, daß sie nicht eßbar waren.


(Das Buch ist zur Zeit nur über Antiquariate – besonders empfehlenswert: www.zvab.com – zu beziehen.)



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