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Aus der Welt der Literatur



2005-09-07
Schlafes Bruder (Robert Schneider; ISBN 3-379-00743-9; Reclam-Verlag, Leipzig)

Ein unerhörtes Buch, geschrieben 1992, doch in einer Sprache, wie sie nur aus alten Büchern und Schriften, eben aus jener Zeit ihrer Entstehung, bekannt ist. Der Titel, einem kirchlichen Choral entnommen, offenbart seine Bedeutungsschwere nicht sogleich, führt in die Irre und läßt erschauern, liest man den Text des Lieds in Gänze. Mißgestaltetes, absonderliches, kreatürliches Menschsein, gepaart mit einer einzigen, unverständlichen, genialen Begabung. Wer wollte es je verstehen.

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Textauszug:

Es entstand eine Unruhe unter den Zuhörern und etliche Weibsbilder tuschelten einander in die Ohren, reckten die Hälse und guckten neugierig nach dem barfüßig dastehenden Mann. Goller besprach sich mit dem Generalvikar, dieser trat zum Ambo und ließ verlauten, das Fest müsse für einige Augenblicke unterbrochen werden. Begründete dies in Gollers abschätzigen Worten, wonach der Candidatus Alder aus einem gottverlassenen Flecken des Landes komme, von einfacher Lebensart sei, die Orgel von Feldberg je weder gesehen noch gespielt habe, sich darum zuvorderst einspielen müsse, in summa jedoch ein überaus kurioses Naturgenie besitze, weshalb man ihn hierher eingeladen habe und weshalb man es verantworten dürfe...und so weiter und so fort.
Daraufhin verließen einige Herrschaften den Dom, sich die Zeit mit Tabakrauchen zu vertreiben. Andere wiederum – vornehmlich die Gäste aus dem Liechtensteinischen – packten Wurst- und Selleriebrote aus ihren Taschen und stopften die Wegzehrung pietätlos in ihre Mäuler. Die Damen höheren Standes aber schnäbelten gelangweit an saftig-süßen Erdbeeren.
In der Zwischenzeit war Goller mit Elias die Empore hinaufgestiegen. Dort legte er ihm die Funktion der Register in übertriebener Eile klanglich dar, schlug den zu improvisierenden Choral im Orgelbuch auf und tippte die Melodie im allerleisteten Salicional an. Als es im Dom wiederum still geworden war, brütete Elias noch immer über die Worte diese Liedes, denn Melodie und Worte hatten ihn vom ersten Moment an gefangengenommen:

Kömm, o Tod, Du Schlafes Bruder,
Kömm und führe mich nur fort;
Löse meines Schiffleins Ruder,
Bringe mich an sichern Port!
Es mag, wer da will, dich scheuen,
Du kannst mich viel mehr erfreuen;
Denn durch dich kömm ich herein
zu dem schönsten Jesulein.

Werfen wir, ehe dieser Mensch auf unmenschliche Weise zu musizieren anheben wird, einen kurzen Blick auf Peter, wie er unter dem Gewölbe der Empore, im stickigsten Teil der Kirche sitzt. Er hält die Hände im Schoß verkrampft. Er wagt kaum zu atmen, er blickt nicht nach rechts und nicht nach links. Er ist plötzlich ein Mann von strahlender Schönheit. Oder täuschen uns die flackernden Schatten des Kerzenlichts?
Die beiden Kerle an den Bälgen zogen noch mitleidige Fratzen bezüglich Elias´ äußerer Erscheinung, da donnerte ein so gewaltiger Fortissimolauf von der Tiefe der Tastatur in die Höhe, daß sie meinten, die Orgel breche auseinander. Der Lauf riß ab, Elias schöpfte Atem und setzte zu einem noch gewaltigeren Fortissimo an, dieses Mal in Kombination mit einer brüllend hinabstürzenden Pedalbaßlinie. Als er zum dritten Mal Atem geschöpft, ließ er das Figurenwerk abermals aufbrausen, wobei er die Baßlinie auf die Hälfte des vorigen Wertes diminuierte, also mit einer nahezu unmöglichen Fußgeschwindigkeit über das Pedal hinwegfegte. Der Lauf endete in einer schmerzverrissenen Harmonisierung der beiden ersten Takte des Chorals, dann würgte der Organist die Musik derart unmotiviert ab, als seien ihm die Hände plötzlich vom Manual gerutscht. Elias atmete die unerhört spannungsgeladene Zäsur, griff siebenstimmig in die Tasten, spielte den Choral bis zum 3. Takt, riß ab, atmete, harmonisierte in unaufgelösten Dissonanzen bis zum 4. Takt, riß ab, atmete, verband das figurale Kopfmotiv mit der Harmonisierung des Chorals, riß ab, atmete, riß ab, atmete, und das alles über die Dauer von mehr als fünf Minuten.
Dergestalt wollte er darlegen, wie man sich gegen den Tod aufzulehnen habe, gegen das Schicksal, ja gegen Gott. Der Tod als jähes Schweigen, als unerträgliche Pause.



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