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Aus der Welt der Literatur



2005-06-03
Himmel, der nirgendwo endet (Marlen Haushofer / List Taschenbuch / ISBN 3-548-60572-9)

Das Wunder der Kindheit, geheimnisvolles Reich zwischen trunkener Glückseligkeit und heißem Tränenstrom, das Elternhaus, die warme Hand des Vaters. Und irgendwann, zögerlich, doch unaufhaltsam, ein erster Schmerz ganz tief drinnen, der vom Ende des kindlichen Spiels zu wispern beginnt.

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Textauszug:

Und der Sommer zieht sich hin. Er verbrennt das Gras vor dem Haus zu häßlichem Rostbraun, und Vater muß ein neues Faß Most für die Heuer anschlagen. Früher war der Sommer immer viel zu kurz, diesmal will er kein Ende nehmen. Die Onkel und Tanten reisen in der letzten Augustwoche ab, und Mama ist schmal und müde vom vielen Kochen. Die Familie ist mit sich allein, und das bedeutet, daß man Meta mehr beachtet, als ihr lieb ist. Nandi hat sich ein wenig von ihr entfernt. Er hat im vergangenen Jahr gelernt, allein zu sein und braucht Meta nicht mehr so notwendig wie früher. Einsam und in sich versunken spielt er vor seiner Spielzeuglade und wird böse, wenn sie seine Ordnung stört. Meta hat das Gefühl, nirgends wirklich daheim zu sein und etwas wie Panik erfaßt sie.

Ein Woche vor der Abreise beschließt sie, die alten vertrauten Orte aufzusuchen, vielleicht wird dann alles wieder gut werden. Sie geht hinunter zur Bachwiese, umkreist scheu das Widderhäuschen und sieht die Brennesselheerschar im Winde wogen. Diesmal erstarren sie nicht in wilder Abwehr. Sie haben ihre Feindin vergessen und beachten sie gar nicht. Meta senkt den Kopf und trabt zum Heckenrosenstrauch. Die kühlen Blätter gleiten durch ihre Finger und werden nicht lebendig. Der Strauch erkennt sie nicht wieder. Es ist sinnlos, ihn länger zu bedrängen. Rund und in sich geschlossen träumt er sein Leben, Meta ist ausgesperrt. Sie geht zurück zur Straße. Der kleine Felsen, auf dem immer die ersten Erdbeeren reifen und in dem einmal die Kreuzotter gewohnt hat, liegt leer und grau im Licht. Er scheint eingeschrumpft zu sein. Aber das gibt es wohl nicht, alles erscheint ihr ja kleiner als früher, das Haus, der Stall und die Zimmer. Meta ist traurig, und plötzlich merkt sie, daß ihre Trauer nicht echt ist. Sie spielt nur Traurigsein, weil sie es eigentlich sein müßte. In Wirklichkeit spürt sie gar nichts. Sie könnte noch den großen Stein hinter dem Roßstall auf die Probe stellen. Das Verlangen zerrt an ihr, ihr Gesicht an den Stein zu pressen und den alten Moosgeruch zu riechen. Aber schon ist es vorüber, sie weiß, sie möchte es nur tun, weil sie es so oft getan hat. Kälte breitet sich in ihr aus und ein leeres Gefühl wie Hunger.
Jetzt weiß sie nicht mehr, wohin sie gehen könnte. So bleibt sie regungslos mitten auf der Straße stehen und spürt die Sonne im Nacken nicht.



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