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Aus der Welt der Literatur



2005-03-23
Mädchen (Gertrud Kolmar)

Urängste, wie sie vornehmlich den Verstandesmenschen irgendwann heimsuchen, vor denen niemand davonzulaufen vermag, entströmen jeder Zeile dieses Gedichts.
Der Blick zurück auf vergängliches Leben, Erinnerungen an gewesene Tage, an Rosen, die verwelken.....
Gertrud Kolmar wurde im Alter von 48 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Das Gedicht, nicht datiert, stammt aus einer Schaffenszeit, die, so darf vermutet werden, die Jahre 1927 bis 1936 umfaßt.

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Ich war der Krug, drin Rose stand
Mit Blättern, gelb wie Honigsüße;
Vom Ohr ein flammig buntes Band
Sprang mir herab auf dunkle Füße.
Was ist nun Rose? Einsamkeit.
Wie sprach der Blume Duft? Verwelken.
Ich lieg, von Spinnweb eingeschneit,
Im Winkel dämmernd an Gebälken.

Erblindet bin ich, rußgewärmt,
Mein Früchtegürtel wund, zerfressen.
O arme Erde, die sich härmt,
Gott hat dein Bodenloch vergessen;
Wie jene Truhen sollst du sein,
Die tiefer in ihr Staubnest kriechen,
Nur manchmal nach Erinnerungswein
Und kleinen braunen Kuchen riechen.

Wenn einst noch junge Hand mich faßt,
Dann mag ich sanft und müde gähnen;
Ich steh, ganz stumpf von langer Rast,
Ich steh, ganz angefüllt mit Tränen,
Und laß durch kranke Scharte leis
Die Tropfen und die Tage rinnen
Um ein verkümmert krankes Reis,
Das hilflos stirbt in meinen Sinnen.



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