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Aus der Welt der Literatur



2004-12-28
Train Dreams (Denis Johnson / marebibliothek / ISBN 3-936384-15-0)

Es gibt Bücher, die von ihrer Geschichte leben, von ihrer Handlung; ihre Schreibweise, ihre Stilmittel sind nahezu nebensächlich. Zahlreiche Beispiele lehren uns dies immer wieder.
Und es gibt Bücher, deren Seele die Sprache ist, und seien die Geschehnisse, deretwillen der Autor schrieb, scheinbar noch so unbedeutend. Erst dann und nur dann erweist sich die Größe des Erzählers. Johnson erschließt mit seiner wenig mehr als hundert Seiten zählenden Novelle Leben und Sterben eines unbekannten Mannes aus den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Weißen den Westen Amerikas weiter erschlossen und Schienenstränge in alle Himmelsrichtungen vorantrieben. Nicht alles erfahren wir über diesen Mann und sein einsames, am Ende tragisches Dasein, doch genug, um nach dem letzten Satz den schmalen Band eine Weile in der Hand zu behalten.

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Textauszug:

Das war, nachdem Kootenai-Bob überfahren worden war, in den zwei oder drei Tagen, als seine Stammesbrüder an den Gleisen entlangliefen, um ihn sich Stück für Stück zusammenzusuchen. an diesen drei oder auch vier kühlen Herbstabenden ließ der Great Northern eine Reihe langgezogener Pfiffe ertönen, den ersten gleich hinter der Bahnschranke von Meadow Creek, und er fuhr, bis er ein gutes Stück weiter nördlich war, sehr langsam. Damit folgte er einer Anweisung des Managements, das den Kootenai-Indianern die Chance geben wollte, ohne weitere Zwischenfälle so viel wie möglich von ihrem Bruder aufzusammeln.
Es war Mitte November, aber geschneit hatte es noch nicht. Der Mond ging gegen Mitternacht auf und hing bis zehn Uhr morgens über dem Queen Mountain. Die Tage waren kurz und hell, die Nächte klar und kalt. doch waren diese Nächte von einer rauhen Hysterie erfüllt.

Durch das Pfeifsignal des Zuges aufgescheucht, schlugen die Kojoten an, und dann die Wölfe. Seine Kameradin, die rote Hündin, war auch irgendwo da draußen – Grainier hatte sie tagelang nicht gesehen. Der Chor schien stets in jener Nacht am vollsten, wenn der Mond voll wurde. Schien dann am irrsten. Am erbärmlichsten. Die Wölfe und Kojoten heulten ohne Unterlaß die ganz Nacht; es klang, als wären es Hunderte, mehr als Grainier jemals gehört hatte, und vielleicht mischten sich noch andere Geschöpfe darunter – Eulen, Adler, was genau, vermochte er nicht zu sagen -, vermutlich jedes mit einer Stimme begabte Wesen auf den Gipfeln und Bergkämmen oberhalb des Moyea, so als gäbe es nichts, was auch nur ein einziges von Gottes Tieren besänftigen könnte. Grainier wagte nicht zu schlafen. Ihm war, als sei all dies eine Art ungeheuerlicher Verkündigung, die Warnung vielleicht vor dem Ende der Welt.
Er legte Holz nach, stellte sich halb bekleidet in den Türrahmen seiner Hütte und betrachtete den Himmel. Die Nacht war wolkenlos und der Mond so weiß und brennend, daß er die Sterne auslöschte und die Berge in graue Silhouetten verwandelte. Ein Rudel von Heulern schien ganz nah zu sein, ja immer näher zu kommen, vielleicht im Laufen weiterjaulend. Und plötzlich strömten sie auf die Lichtung und waren überall, etliche Formen und Schatten, gellende Stimmen, und manche fegten an ihm vorbei, streiften ihn, dort in seinem Türrahmen, und er hörte den dumpfen Aufschlag ihrer Pfoten auf dem Erdboden. Noch ehe sein Kopf ihm sagen konnte, „da sind Wölfe auf meinem Grundstück“, waren sie wieder fort. Alle außer einem. Und das war das Wolfsmädchen.



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