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Aus der Welt der Literatur



2004-12-16
Helena oder das Meer des Sommers (Julián Ayesta; Verlag C. H. Beck, München; ISBN 3-406-52322-6)

Nur hundert Seiten zählt der Roman von Julián Ayeste, an dem der 1996 verstorbene spanische Autor nach eigenem Bekunden zehn Jahre schrieb und der 1952 erstmals in Spanien erschien.
Eine Kindheit neigt sich ihrem Ende zu, geht über in jenen Zustand, in dem das bisherige bubenhafte, unbekümmerte Spiel mit den Mädchen für immer dahin ist. Das Lichtspiel der Sonne, die Hitze des Sommers, sonnendurchglühter Meeresstrand, Helena und der Junge, der Erzähler dieser mehr einer Novelle als einem Roman gleichenden Geschichte, erfahren staunend und mit leisem Erschrecken die Wandlungen, die sich in ihnen vollziehen.
Der Autor wurde seinerzeit als literarische Offenbarung spanischer Erzählkunst gefeiert.

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Textauszug:

Ich hielt ich es nicht länger aus und entwischte in mein Zimmer; ich zog mich aus, die Badehose an und rannte durch die Küchentür davon. Ich rannte bergab, den Wind im Mund, und an der Gartentür wartete Helena auf mich, in ihrem Badeanzug aus roten und goldgelben Blumen und mit dem breitkrempigen Hut aus fahlgelbem Stroh, sie war fröhlich, voller Liebe und Leben, ihr blondes Haar durchsonnt und bei einem Fuß guckte ihre große Zehe durch ein Loch im Stoffschuh und bewegte sich wie ein Mäuschen, das mich necken wollte und man hätte hineinbeißen und das ganze Leben daran herumknabbern mögen.

„Hallo!“
„Hallo!“
Und wir marschierten gemeinsam, von Liebe erfüllt, zu den weiten Ländern des Nachmittags. Die Sonne – die Sonne! – schnarchte auf den Apfelbäumen, und die Wiesen waren voller Lichtflecken.....das Nachmittagslicht war zähflüssig, golden und blau und schwarz. Ein geheimnisvoll schreckliches Licht, das von einem riesigen, einsamen Himmel herunterfiel. Auf den Wiesen lag Schläfrigkeit, ein heißer Dunst aus Zikaden und Grillen und oben, sehr hoch, segelte ein Milan.

Helena und ich liefen schweigend nebeneinander her. Ab und zu blieb Helena stehen, pflückte ein paar Brombeeren und gab mir die Hälfte davon ab. Die Beeren, die in der Sonne gehangen hatten, waren warm und matt; die anderen, die aus dem Schatten, waren kalt und glänzten. Dann wieder pflückte ich sie und gab Helena ab, und wir sahen uns in die Augen, während wir aßen, das Gesicht vom Saft blaurot befleckt. Dann blieb meine Liebe – das war Helena, so schön, die Haut so braun und das Haar blond und die Augen blau und so frei und mutig – mal wieder stehen, um Brombeeren zu pflücken und stach sich an den Dornen. Sie streckte mir ihren blutenden Finger hin, und ich saugte das Blut, das so rot war, so salzig, so wundervoll, wenn es in der Sonne funkelte. Danach küßte sie mich und wischte mit ihren Lippen das Blut weg, das auf den meinen geblieben war.



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