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Nikki, 22.04.2017
Ilse
Ilse knabbert an einer Scheibe Knäckebrot.
Auf dem kleinen Tisch neben dem abgewetzten Sessel, in dem Ilse sitzt, stehen ihre Lieblingstasse, die mit den Röschen darauf, und eine Flasche Mineralwasser. Das karge Frühstück, es besteht aus nicht mehr als dieser Scheibe Knäckebrot und einem Schluck schwarzem Tee aus der Rosentasse, ist bis zum frühen Abend alles, was Ilse zu sich nehmen wird.
Die Tasse hat Arthur ihr zur Rosenhochzeit geschenkt. Das war vor 45 Jahren gewesen.

Ilse schaut zum Schrank hinüber, in dessen mittlerem Fach ein gerahmtes Foto von Arthur steht.
„Guten Morgen, Liebling“, sagt sie in Richtung des Bildes und, „Es schmeckt gut, ist nur ein Scheibchen zu wenig, aber mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut.“
Sie nimmt einen Schluck aus der Tasse und stellt sie langsam und behutsam auf dem Tischchen ab.
„Nadine ist schon dagewesen. Ich bin gewaschen und angezogen. Heute hatte sie keine Zeit für ein Schwätzchen. Sie war schon spät dran und noch vier weitere Patienten warteten.“
Das Foto antwortete ihr nicht.
„Nadine hat gesagt, heute Abend kommt Beate. Die mag ich nicht so sehr. Die ist immer so forsch und reden tut die auch nicht. Aber es geht heut mal nicht anders.“
Arthur, auf dem Foto verewigt, lacht Ilse an.
„Ach Arthur, es tut so gut, dich lachen zu sehen. Letzte Woche wollte Martina kommen und Nils und Annalena mitbringen, aber dann ist den dreien doch etwas dazwischen gekommen. Schade. Ich habe Annalena noch gar nicht gesehen und Nils schon seit drei Wochen nicht mehr. Aber was will man machen, die Kinder müssen zum Arzt, oder in den Kindergarten, oder besuchen Freunde. Früher waren wir nicht so viel unterwegs, gell Arthur. Martina war so ein liebes Mädchen. Weißt du noch, wie lustig ihre langen Zöpfe immer wippten, wenn sie draußen mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft Seilspringen gespielt hat?“

Ilse legt die Hände in den Schoß und schaut aus dem Fenster. Für heute hat sie ihrem Arthur alles gesagt, was sie zu sagen hatte. Bis zum Abend wird sie schweigen und ab und zu aus der Rosentasse etwas kalt gewordenen Tee nippen. Sie hat ihrem Arthur versprochen, auch alleine zurecht zu kommen.



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