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opgeorg, 17.08.2012
Im Dunkeln sehen

Queen Victoria lächelt huldvoll von oben auf mich herab. Ihr hochherrschaftliches Porträt ist vom Schimmel angefressen, Farbstücke sind aufgeplatzt, haben sich von der Leinwand gelöst und liegen als feiner bunter Staub auf dem schwarzen Podest, auf dem das Gemälde steht. Die Decke des Raumes ist notdürftig repariert, eine Granate schlug im Bürgerkrieg durch den Dachstuhl. Herabfallender Putz hat das Ölbild noch weiter beschädigt.
Der alte Herr, der mich führt, beschreibt dieses majestätische Herrscherbild, als sei es noch unversehrt, als strahle es noch in der Farbenpracht des neunzehnten Jahrhunderts.
Er geht sehr aufrecht, der alte Mann, aber mit schlurfenden kleinen Schritten.
Vor einer Vitrine mit halb blinden Scheiben erzählt er etwas über Ringe mit Glöckchen, die zum Tanz über die Fußknöchel gestreift werden. „Die hier stammen von meiner Großtante, als sie noch ein Kind war“, erklärt er mir und lächelt. Die Vitrine ist verstaubt und leer. Er deutet in eine Ecke mit ausgekerbten Holzbalken und sagt: „Tamilische Freiheitskämpfer wurden hier in Jaffna von fremden Besatzern mit diesem Fußblock gefesselt und gefoltert!“ Die Hölzer liegen unter verschmutzten Plastikplanen. Er betastet ein portugiesisches Taufbecken, eine holländische Sonnenuhr und erzählt von den vielen Völkern, die den Norden Sri Lankas Jahrhunderte lang unter ihrer Knute hielten, ausbeuteten, das Volk der Tamilen unterdrücken bis auf den heutigen Tag!

Es ist still in den dämmrigen Gängen. Ich bin der einzige Besucher. Zwei Museumswächter begleiten den Alten, der vielleicht der Leiter des Museums war bis die Granate einschlug. Die Wärter lächeln entschuldigend, wenn er auf etwas zeigt, das nicht mehr da ist oder in einer anderen Ecke steht.
Sie führen mich in einen Quertrakt und der Alte erklärt mir, wie kluge Vorfahren schmutziges Flußwasser in sauberes, trinkbares verwandelten. Eine schwere Sandsteinschale wurde an Schnüren unter die Decke gehängt und mit dreckiger Brühe gefüllt. Unten tropfte dann nach einer Weile, langsam aber stetig das durch den Stein gefilterte Trinkwasser herab.
Er beschreibt diesen einfachen Vorgang so lebendig, so voller liebevoller Details, daß ich meine, die Tropfen fallen zu hören.

Er hat eine sehr genaue Vorstellung von seinen Ausstellungsstücken, die er schon lange kennt. „Jetzt, da ich schon seit Jahren blind bin“, sagt er beiläufig, „setzten sich in meinem Kopf, und das ist merkwürdig, Dinge aus meinem Museum miteinander in Beziehung.“ Er lacht und deutet auf eine kleine verstaubte Figur in einer Ecke des Schaukastens: Eine junge Frau mit Tierkörper, nacktem Busen und Hörnerkappe. „Das ist ein Kultbild, das bei Feuer - Ritualen durch die Straßen getragen wurde. Das Götterbild schwebte, von vielen Händen hochgehoben, mitten in einer Prozession tanzender Frauen in kostbaren vielfarbigen Gewändern mit Silberrassel und Glöckchen um den Knöchel, mit fleckigen Tigern voran, schwarzen Panthern und unflätigen Affen im Geleitzug, mit starken stolzen Männern, die dieser Königin zu Ehren in ihre Hörner stießen.“

Die dumpfen Rufe der Hörner höre ich, sehe vor mir den Festzug mit königlich geschmückten Kindern in Sänften und Elefanten mit blauen bestickten Decken die mit ihren Rüsseln schwere Bronzeglocken schwenken.

Erst langsam, als der Blinde seine Führung längst beendet hat, öffnen sich meine Augen. Die Ausstellungsstücke, die Kindersänfte, die Bronzeglocken, die Hörnerkappen stehen stumm um mich herum.
Sie sind wie Dornröschen in ihren alten hundertjährigen Schlaf zurückgefallen. Die Spindel liegt am Boden, der Bluttropfen auf dem Finger ist geronnen.
Der alte Mann sitzt vor der Tür auf einer Bank, im hellen Licht und sieht zu mir in die dämmrige Halle herein. Ob er mich sehen kann?





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