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Angelika Colditz, 24.06.2012
Ode an die Plutokraten und ihre Vasallen
(Rede einer Frau aus dem niederen Volke)


Anbetung, Preis und Ehre für euch, die wahre Elite der Menschheit und deren Weisheit letzter Schluss.
Ihr seid die crême der crême.

Ihr habt es weit gebracht und weiter noch getrieben: Ihr seid die Kaiser der Rendite, die Könige des Größenwahns, denn ihr habt ihn verwirklicht.
Wohl euch: Die Welt ist groß, doch ihr seid größer.
Ihr seid die Herrlichkeit auf Erden und ein Kranz aus Blüten wird deshalb eure Krone sein.

Die Fülle eures Wohllauts ist ohn‘ Unterlass zu hören im Geschrei der Börsen und die Peitsche eurer Hybris knallt dazu den Takt. Die Schwaden eurer Nebelkerzen quellen aus den Mäulern der Journaille, die hoch in euren Wolken sitzt und auch der Bariton der Wirtschafts-Päpste kündet kühn vom Credo eurer Lehre: Das Heil für euch, für uns die Angst.

Ihr seid der Moloch namenloser Märkte, ohne euch geht nichts und das geringste Widerwort lässt euch die Zähne fletschen. Euch ist zu Willen, was ihr wollt, ihr seid die Macht und das Gesetz und euer Arm ist lang. Besonders in den oberen Etagen eurer Wirkungskreise - dort geht gebeugt ja nur das Recht und nicht etwa das Alter - sitzt euch zur Seite nur, was auch profund verspricht, vom selben Schlag zu sein wie ihr: Die Potentaten unserer Länder neigen, wenn‘s nicht Bewunderung ist, so doch in Ehrfurcht tief die Häupter vor den monströsen Blüten eurer Sorte.
Und wehe denen, die noch Stirne zeigen.

Ihr seid das Alpha und das Omega der Völker, ihr Aufstieg und ihr Niedergang, doch präferiert, wenn nicht gar liebt ihr wohl das Letztere - denn es ist euch zu Nutzen.
Ihr habt das Recht zum Wahn, der sich vernünftig nennt und so erlaubt, dass ihr berauscht von eurer Allmacht fasziniert genießt, wozu ihr fähig seid: Mit Beischlaf eurer sehr potenten Agenturen lasst ihr die Länder eines nach dem anderen taumeln und stürzt sie dann - in einen Abgrund, der eigentlich der eure ist.
Wohl euch: Das ist wahrhaftig eine kapitale Leistung und auch unser Deutschland wird dieses Glück durch euch erfahren, wenn seine Zeit gekommen ist und reif für euch zum Pflücken.

Durch eure Gunst und Fütterung wird jeder Bock zum Gärtner unter unseren Landesfürsten, der Schein der Glorie sitzt im Kabinett, und Ehre und Gewissen leuchten tief aus den Ministern, wenn sie als schwer bezahlte Buhlen euch zu Diensten sind: Vor aller Augen tanzen sie den Veitstanz unseres Untergangs getreu dem Rhythmus eurer Pfeifen und frömmlerisch begleitet vom Popanz einer Kirche auf dem Altar des Parlaments, das lang nicht mehr das unsere ist.
Und denen, die noch Stirne zeigen, ist Hohngelächter ganz gewiss.

Wir mögen laut das Kyrie Eleison rufen, doch da ist kein Herr, der sich erbarmt, nur unsere Kanzler, unsere Präsidenten und das Gefolge der von euch gesalbten Amts- und Würdenträger. Sie alle beugen ihre Knie - vor euch und eurer Heiligkeit wie vor sich selbst, denn heimlich sind sie euresgleichen und der Freiheit ihrer Völker genauso abgeneigt wie ihr. Und darum ist, was sie tun, wohlgetan zu eurem Wohle - und dem ihren.

Wohl euch: Ihr seid die Göttlichkeit auf Erden und ein Kranz aus Strahlen wird euch deshalb sicher sein.

Naturgemäß ist euch ein Gräuel, was euch im Weg und in der Sonne steht. Ihr könnt auch nur mit Mühe gelten lassen, was sonst noch so in eurem Schatten blüht, zumal, wenn es so festgefressen auf Ressourcen hockt, von denen in naher Zukunft nur eure Art noch aasen soll oder störrisch sich in Ländern tummelt, die ihr bereits als eure wähnt.

So produziert ihr ohne falsche Scham und zügig die schöne Perlenschnur der Krisen mit konstruktiver Unterstützung der Gesalbten und lasst gemeinsam über eure Klingen springen, was euch ein elend‘ Übel scheint. Es ist ja doch zu viel des Guten, was außer euch noch leben will, und darum sind bei eurer Säuberung kollaterale Schäden unvermeidlich: So heißt das doch in eurer Sprache.
„S‘ist aus der Not geboren“, so hören wir euch rufen. Das ist schon richtig, nur dass die Not an einem anderen Ort geboren ist als dem, den ihr behauptet. Doch darauf kommen später wir zu sprechen.

Zum Opfer eurer Sense soll auch werden, wer nicht schon in Jugendjahren sehr fette Schafe erst gezeugt und dann ins ferne Trockene befördert hat oder jetzt in überstürzter Eile Gold auf seine Esel packen kann, weil ihm sowohl das Gold als auch die Esel fehlen. Und leider hat für viele die Erlösung nur noch die Gestalt von einem Sack voll Geld.

Es dürfen sich jedoch die Heere der noch moderat bezahlten Arbeitsbienen glücklich fühlen, solange sie das Botox eurer Dogmen schlürfen und mit Inbrunst das Mantra eurer Zwänge beten und damit glauben, sie wären Auserwählte so wie ihr oder blieben wenigstens verschont von euren Keulen, die den Weg der Zukunft weisen. Solch‘ große Einfalt stimmt euch nicht nur heiter, sondern schmeichelt sehr bekömmlich eurer Zuversicht.

Das andere am Ende einer Leiter, die eurem Hirn entsprungen ist, ist nur noch dazu da, benebelt von der Droge der Verzweiflung und minder noch behandelt als Lakaien, bis aufs Blut zu schuften für ein Nichts und außerdem von euch gehalten, tagtäglich mit Genuss den sauren Speichel seiner Fron zu lecken.

Ganz übertrieben aber scheint euch das Bedürfnis jener Allerletzten, deren Zahl durch eure Taten ständig wächst: Wer ohne Arbeit ist und zu nichts nütze, der soll auf Dauer auch nicht essen. Nur freilich: Wenn es wirklich danach ginge, dann müsstet ihr die Ersten sein, die man verhungern ließe.

Das alles mag man seufzend zwar bedauern, jedoch bei Licht betrachtet habt ihr dann ein gutes Werk vollbracht. Denn schließlich treffen eure Preis- und Hungerkeulen nur, was einerseits schon jetzt und andererseits schon bald auf dieser Erde bloß noch auf allen Vieren kreucht, obwohl es eigentlich zwei Beine hat und darauf stehen sollte. Es ist ja doch zu viel des Guten, was eure Optik stört und außerdem den armen Rest von Mitleid, der euch vielleicht noch innewohnt.

Was ihr zuvor geknebelt und geknechtet habt, was nicht mehr auszupressen ist und keine Kraft mehr hat, das kann danach getrost zur Wüste werden oder eben langsam in die Erde kriechen.

Weh‘ euch: Ihr seid die faule Herrlichkeit auf Erden und ein verwester Blütenkranz wird deshalb eure Krone sein.

Man hört nun die Gelehrten hin und her erklären, und auch des Volkes Stimmen sprechen so, die Schuld an allem habe „das System“ mit seinen immanenten Zwängen.
Ja auch ihr selbst nach euren eigenen Worten seid nur die „Getriebenen“ und wollt uns damit sagen, ihr müsstet diesen Zwängen folgen so wie wir.
Es ist nun aber so - ihr werdet‘s kaum bestreiten können -, dass man für euch die Folgen dieser Zwänge durchaus schmackhaft nennen kann im Sinne reicher Leckerbissen.
Ist Folge dieser Zwänge nicht zum Beispiel jenes süße Zuckerzeug, das man gemeinhin Dividenden nennt? Stopft ihr euch nicht permanent bis über jedes Maß hinaus den Kropf mit feinen Törtchen namens Tantiemen, mit Prämien und Gewinnausschüttungen, die aus dem Füllhorn dieser Zwänge so folgenreich an Köstlichkeiten quellen?
Im Gegensatz zu euch sind wir von solcher Art der Folgen lebenslang verschont.

Es ist das Vorgenannte allerdings nur Kleingebäck, verglichen mit den Sahnetorten namens Zins und Zinseszins, den fett geschmierten Boni und den adipösen Apanagen, die ihr kassiert für Leistungen, die der Beschreibung spotten sowie für andere, die nie die euren waren, sondern der Arbeit unserer Hände nur zu danken sind.
Preist ihr euch nicht für Übernahmen, die man ganz freundlich „feindlich“ nennt? Verleibt ihr euch mithilfe dieser Zwänge nicht ganze Unternehmen ein und nunmehr ganze Staaten, verflüssigt Mann und Maus darin zu Gold und lasst nur ein verhungertes Gerippe übrig?
Kennt man die Hebel erst einmal wie ihr, dann ist dies Füllhorn schnell verwandelt in einen Quell der Qualen für das Volk.

Solchermaßen ist das Gleis-System der Zwänge für euch ein köstliches zu nennen - vielspurig mündet es in einen Highway nun von ungeheurer Breite, auf dem ihr als Geisterfahrer ungehobelt rasen könnt, vergoldet vom Scheitel bis zur Sohle.

Weh‘ euch: Es ist ja viel zu viel des Guten, wovon und wie sich die Herrschaft eurer Zwänge nährt.

Doch zurück nun zum System:
„Es war schon vor uns da“, so hören wir euch rufen.
Das ist schon richtig. Es war schon vor euch da. Und vor euch waren andere und vor denen wieder welche, die das Gleiche tönten.
Doch wer war zuerst? War es die Henne? Oder war‘s das Ei?
Hat sich „das System“ von selbst gegründet aus dem Nichts, oder waren‘s Leute, die es erfunden haben in ihrem eigenen Universum? Sind‘s Außerirdische gewesen, herabgeschwebt auf unseren Planeten, um ein Prinzip zu installieren, das sich nun mehr und mehr als Fluch erweist für alles, was auf dieser Erde und in ihren Lüften lebt - nur nicht für euch mit eurer kleinen Zahl der Auserwählten?
Das wäre logisch, wäre nicht der kleine Schönheitsfehler, dass eure Herrlichkeit in Wirklichkeit nur die von Menschen ist.

Ja: Wer war zuerst? War es die Henne? Oder war‘s das Ei?
Oder war in diesem speziellen Falle der Mensch sowohl die Henne als auch deren Ei?
Das scheint uns eher logisch, denn wenn wir im Ergebnis das System als Ei der Henne sehen, so hat es auch nicht mehr Verstand als diese.
Es war Verstand im Sinne von Vernunft wohl nur am Rand beteiligt bei der Entstehung des Konstrukts - was aber war es dann, das da zentral beteiligt war, denn das Gebilde ist doch existent?!
Ihr seht, es türmen sich die Fragen und da ihr nach unseren Erfahrungen die Letzten seid, von denen wahre Antwort zu erwarten wäre, müssen wir sie selber finden.

Seit alten Zeiten schon ist das System, von dem wir sprechen, vom gleichen Geist getrieben, der auch der eure ist - er ist ihm so verblüffend ähnlich wie das eine Ei dem anderen. Gerade so, als hättet ihr das Treiben eurer Ahnen so wenig hinterfragt wie euer eigenes, so habt auch ihr als Profis und Experten mit einer Schar gewiefter Spezialisten, die - auch nicht faul und doch bequem -, in eurem Sinne wirken, das immer gleiche schöne Ei bebrütet. Und wiederum ist ausgeschlüpft und dann gewachsen ein System, bei dem ihr nun so tut, als sei es nicht gemästet auf dem Miste eurer Absicht.

Wird denn ein Möbel, bevor es dann im Äußeren Gestalt annehmen kann, nicht zuerst in der Gedanken Welt gezimmert? Und speist sich die Gedankenwelt nicht auch aus Quellen, die ihr tiefer liegen, so dass das Möbel die Verkörperung von beidem ist?
Und wird ein Haus, bevor es denn im Äußeren entstehen kann, nicht auch zuerst im Inneren entworfen? Verrät es etwa nicht die tieferen Quellen seines Architekten, für wen in diesem Haus die lichten Räume sind und für wen die Abfallgruben?

Doch ihr tut so, als hätte sich ganz ohne Plan und Sorgfalt über die Jahrzehnte, ganz ohne ein bewusstes Sinnen, Trachten, Streben eurerseits, ganz ohne Ziel und Zweck von ganz allein etwas entwickelt, das eurem Willen völlig ferne lag.
Wie anders könntet ihr denn sonst von euch behaupten, nur die „Getriebenen“ zu sein und damit auch das Opfer einer Macht, die sogar noch die eure übersteigt? Wie ist dies nur möglich, da doch niemand höher sitzt als ihr?

Zwar mögen wir‘s bei unserer Seligkeit nicht glauben,
doch wenn es ist, wie ihr es sagt,
dann ist das Resultat daraus, dass ihr tatsächlich fremdgesteuert, weil getrieben seid von dem, was ihr nicht einmal selbst zu kennen scheint, obwohl es euch doch innewohnt und so starke Außenwirkung hat, dass nur die Blinden des Systems verleugnen können, aus welchen tieferen Quellen sich das Ganze speist.

Wahrhaftig: Entweder, ihr nehmt euch sehr viel Recht zum Plaudern, oder aber zu einer Unschuld, die der von kleinen Kindern gleicht. Auch diese sind getrieben von dem, was unbekannt in ihnen wirkt und müssen‘s ausagieren. Nur nennt man so etwas bei großen Leuten infantil.

Und in diesem Zustand treibt ihr global Finanzgeschäfte, lenkt die Staaten und steuert eine Wirtschaft, die die Welt umspannt.

Somit ist euer aller Unschuld auch zu danken, dass im Wirrwarr vieler Schirme, aufgespannt zu eurem Schutz und uns die Sicht versperrend, die Wege des Systems sich nunmehr schlangengleich in einem Labyrinth verlieren und weitere Konstrukte dieser Konstruktion mit Namen und Begriffen, die zu uns in fremden Zungen sprechen, so rätselhaft gestaltet sind, dass unsere Einfalt nur noch staunen kann vor dem, was euer Genius an barockem Beiwerk produziert.
Insofern sind ein Kunstwerk in Vollendung auch eure prallen Blasen, von deren Fluten sehr viele sich ernähren könnten - wenn‘s nur nach dem Volumen ginge. Nur leider ist‘s kein Nektar, sondern Jauche, was ihr über uns entleert.
Auch andere Kost, die zahlreich ihr in euren Küchen kocht und unserem Gaumen munden soll, hat wenig von Ambrosia und nur die Konsistenz von toxischen Papieren. Ihr dürft euch also nicht nur Meister nennen, sondern seid die Koryphäen im Erfinden immer neuer Kreationen, denen das Gift aus allen Poren sprüht.
Der Ramsch als fixe Größe ist somit ein Grundstock eures Daseins und eure geilste Lust ist die nach immer neuem frischem Geld für euren Moder. So schwellen eure Konten in den Steuerparadiesen wie Eiterbeulen einer Pest, die eure Namen trägt.

Weh‘ euch: Es stinkt die schwarze Krone eurer Herrlichkeit als fauler Blütenkranz bis in die letzten Winkel unserer Erde.

Von allen Plagen, die die Menschheit je erfuhr, seid ihr die älteste. Ihr seid die ewig gleichen Wiedergänger aus dem Sumpf der Frühgeschichte und spurlos ging an euch vorüber, was die Evolution des Menschen hinsichtlich seiner Reife meint. Denn eure Spezies hält immer noch den kruden Atavismus einer Vorzeit für die Avantgarde, die den Weg der Zukunft weisen könnte.
Im Laufe aller Zeiten, besonders aber in diesem letzten Abschnitt eurer Ära, habt ihr zur Perfektion getrieben nur eure Perfidie, die Hochglanz-Technik einer kalten Seele und den obszönen Reichtum einer Oberfläche, die die Fäkaliengrube eurer Macht verdeckt.

Weh‘ euch: Schon immer wart ihr nur die abgestumpfte Götzenherrlichkeit des Mammon und euer Strahlenkranz war stets nur der aus Blech.

Wir ahnen, wie es aussieht in den Katakomben eures Elends, so tief verwurzelt mit den Kathedralen eurer Macht:
Dort ist es, wo der ungeklärte Bodensatz der Zwänge seine Bacchanalien feiert und die Orgien einer sehr speziellen Lust.
Dort lebt der schwarze Garten eures Eden, in dem als Klima nur die Kälte herrscht und weder Gnade noch Erbarmen, geschweige denn ein Hauch von Zärtlichkeit. Doch große Pracht allüberall.
Dort sind die Wände dicht gepflastert mit der hohen Kunst der Niedertracht.
Dort wird die Lüge in Brokat gekleidet, die Bosheit wandelt im Ornat und wird zu einem Quell der Freude.
Dort ist der Ort, wo sich die Arroganz zur stolzen Tugend adelt und Jubel ist für schändliches Kalkül, das sich hier reich geschmückt mit Orden brüstet.
Dort ist es, wo aus schattenreichen Ecken erlesen die Intrige grinst, wo sich die Gier mit reiner Zunge preist und Heuchelei zu dekorierten Ehren kommt.
Dort ist es, wo die Grotesken eurer Wahrheit im Talar des Abgebrühten um Gräber voll von Skrupeln schreiten, die ihr vor langer Zeit begraben habt.
Und im Zenit prunkt stählern der Olymp des Todes, auf dem das Glanzlicht der Vernichtung brennt und die Verderbnis eure Siege küsst.
Doch in der letzten Kammer lauert hinter schweren Riegeln eine Angst, die eure Augen hat. - Nur, da hinein schaut euresgleichen nie.
Dort ist es, wo alle Not geboren wird und „das System“ sich gründet.

Weh‘ euch: Ihr habt Kassandras Rufe nie auf euch bezogen.



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