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nads, 31.08.2012
Mein Tod

Altbekannte Angst sucht mich heim.
Verzweifelt blicke ich in all die fremden Gesichter.
Sie lächeln mir zu, aber sehen mich nicht an.
Sie sehen mich nicht. Sehen nur das, was sie sehen wollen – sehen sollen.
Nicht mich.
Ich schreie sie an, die Menschen, möchte ihnen das unwissende Lachen entreißen.
Möchte ihre Seelen sehen.
Aber da ist nichts.

Erschrocken weiche ich zurück. Umgeben von leblosen Gestalten -
von Leichen.
Jetzt lächeln sie nicht mehr.
Sie starren ausdruckslos durch mich hindurch. Ich kann nicht schreien,
regungslos bemerke ich meine sture Blindheit.
Ich möchte weg – aber da ist kein Weg. Da ist Keiner.
Einer der Körper neigt sich langsam vor, kippt – bleibt reglos liegen, auf dem kalten Boden.
Einer nach dem anderen kippen sie – alle.
Bis ich in einem Meer aus Körpern stehe.
Inmitten von Toten, die ich glaubte zu kennen.
Ich kann mich nicht rühren, kann nicht denken.
Ich bilde mir immer noch ein, die Blicke von ihnen zu spüren. In meinem Rücken.
Ich kann mich nicht umdrehen, kann nicht begreifen.
Mein Fuß berührt eine kalte Hand. Ich zucke zusammen, kann atmen –
ich spüre die Kälte mein Bein hinauf kriechen.
Bevor sie mein Herz erreicht schreie ich. Ich schreie den Schrei der Verzweiflung.
Sinke auf die Knie, während Tränen mein Gesicht rein waschen.
Kann nicht denken, will nicht denken – nehme wahr ohne zu sehen.
Ich drehe einen der Körper um, blicke in das Gesicht.
Blicke in mein Gesicht.

Mein Herz setzt aus, ich weiche zurück.
Wie in Trance drehe ich den nächsten Körper um.
Mein Gesicht.

Mechanisch richte ich mich auf, drehe mich um -
ich beginne zu laufen, renne achtlos in irgendeine Richtung.
Stolpere über Körper, stolpere über all diese leblosen Abbilder meiner selbst.
Mir ist alles gleichgültig.
Ich renne, weil ich es muss, weil meine Beine es wollen.
Ich renne, doch die leichengepflasterte Straße will kein Ende nehmen.
Keine Kraft mehr in mir, kein Wille.
Ich sinke nieder, mein Blick wird leer – es ist kalt.
Dunkel.
Ich habe den einzigen freien Platz gefunden, den Letzten.
Mein Körper neben all den anderen.
Das Werk ist vollbracht.



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