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15.08.2006 Grass und die Moral

Niemand, der ernstgenommen werden will, wird soeben dem Indianerspiel entwachsenen Jugendlichen zum Vorwurf machen, daß sie damals in die Hitlerjugend oder in die Wehrmacht strebten, ganz gleich in welche Verbände oder Waffengattungen. Auch Grass kann hier keine Schuld treffen.
Wer ihn nun dennoch nach dem Eingeständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS angreift, ihm gar Ehrungen und Würdigungen im Nachhinein aberkennen will, tut das für gewöhnlich aus der Sicherheit der heimeligen Wohnzimmercouch, ohne jegliches Verständnis für die seinerzeitigen aberwitzigen, monströsen Gegebenheiten und damit auch ohne jegliche Legitimation für eine Beurteilung, erst recht nicht für eine Verurteilung dieser oder ähnlicher Verhaltensweisen.

Anders verhält es sich jedoch mit dem jahrzehntelangen Schweigen, das Grass nun überraschend bricht. Doch auch jetzt hätte er noch mit eher wohlwollender Nachsicht rechnen dürfen; zu tief sitzt bei vielen noch immer die Scham darüber, was einst in deutschem Namen geschah.

Doch Grass schwieg nicht, wenn es um Schuldzuweisungen, um mangelnde Vergangenheitsbewältigung anderer ging. Unnachsichtig, unerbittlich, mit verletzender, polemischer Rhetorik erhob er sich moralisierend über die Betroffenen, machte sich in vorderster Linie zum Fürsprecher einer – begrüßenswerten – bedingungslosen Offenlegung deutscher Schuld und Verstrickung als Nation und Individuum. Sich selbst – wie wir nun erfahren – nahm er hierbei aus.

Unvergessen sind seine anklagenden Äußerungen, seine bösen Reden nach der Bitburg-Reise von Kohl und Reagan und deren Besuch des dortigen Soldatenfriedhofs, auf dem auch Soldaten der Waffen-SS begraben sind. Spätestens hier, wo er die letzte Chance versäumte, sich zu erklären, verlor Grass im Nachhinein jeglichen Anspruch auf moralische Integrität. Denn spätestens hier langte er an dem Punkt an, wo es um charakterliche Ausprägung, wo es um Format geht.

Vorauseilende Ergebenheitsadressen von Walter Jens und Gesinnungsfreunden, die in ihrer Beurteilung von Ereignissen fein zu unterscheiden wissen, welcher Personenkreis betroffen ist, bedürfen keiner weiteren Erörterung.


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