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27.04.2010 Deutsche Literaturszene ...... xte Folge ..... heute: Pin-up-Fotos

Da steht sie nun, alleine gut und gerne ein Viertel der Zeitungsseite einnehmend, eine dieser Zeitungen im XXXL-Format, mit denen man in jedem Flugzeug Krach mit den Nachbarn hat, weil sie mitlesen wollen oder genau dieses nicht wollen. Sie, das ist eine junge Frau, knappes schwarzes Lederjäckchen, halboffen, kragenloses schwarzes (was sonst) Hemdblüschen, einer der jetzt gefragten kurzen Röcke, die zwei Handbreit über den Knien enden, bläulich, Blümchenmuster, jedenfalls so ähnlich, blaue Strumpfleggings, oder pinkfarben? Nicht so genau auszumachen. Halbhohe Knitter-Lederstiefelchen, dunkel, vielleicht schwarz, mit angedeuteten Absätzen. Da steht sie, die junge Dame, die Hände in die Seitentaschen ihres Jäckchens vergraben, in eine Straße, es kann auch eine dieser selten oder gar nicht befahrenen Alleen sein, hineingestellt, den Blick auf den Fotografen gerichtet, einfach so, die leicht strähnigen roten Haare, wie unbeabsichtigt ein bißchen unordentlich, seitlich übers Gesicht nach hinten gestrichen. Eine Andeutung von Lächeln, weder Zähne noch Lachen.

Nein, es ist kein Mode-Casting, kein Foto-Shooting für den Otto- oder – sonstwas – Katalog, nein, auch kein Schaulaufen für Bohlens nächstes Demütigungs- und Vorführspektakel, nein, für das alles steht die junge Dame dort nicht. Sie ist Autorin, hat einen Roman geschrieben, immerhin, der ist „Ben“ tituliert, es soll ihr erstes Buch sein, ihr Debüt, ihr Debüt-Roman, und der Rezensent, der das der Leserschaft des nicht ganz unbedeutenden Wochenblattes auf keinen Fall vorenthalten möchte, ist außer sich, weiß sich kaum mehr zu beherrschen in seiner Begeisterung. Wie sonst könnte er, der immerhin das Feuilleton jenes Mediums leitet, sich dazu hinreißen lassen, das Ganzkörper-Foto der Lobgepreisten immerhin in selbiger Größe herzuzeigen wie seinen Jubeltext, mit dem er es einrahmt.

Was bringt den Chef-Feuilletonisten so außer Rand und Band? Nun ja, es soll die Sprache der Jungautorin sein. Von einem unglaublich schönen, frischen Ton ist da die Rede, davon, daß die Wörter fast nackt in den kurzen Sätzen herumstehen, daß sie oft ganz leicht verschoben seien, nicht ganz an dem Ort stünden, an dem man sie erwartet.
Ein vom Rezensenten zelebriertes Parade-Beispiel gefällig?
„Mund zu Mund Verabschiedung und dann geht jeder seines Weges. Man sieht sich. Lapidar präsentiert sich die Nacht in ihrer ganzen Herrlichkeit.“
Nein, unglaublich, wirklich, gerade der letzte Satz wird Literaturgeschichte schreiben, wird jeden Leser versonnen innehalten lassen. Oder auch diese Passage hier, die der Feuilleton-Mann nicht bei sich behalten konnte: „Eine Stimme wie nichts anderes, wie nur ihre Stimme sein kann, und in ihrem Duft schwingt ein Waldsee mit.“ Ja, wirklich, da ist man hin und weg. „Duft“ und „Waldsee“, darauf kam noch niemand, das ist neu, ganz umwerfend, sprachtechnisch revolutionär, so etwas von lapidar, von Nacktheit der Wörter aber auch!

Um was geht´s in dem Buch? Ach so, um Lea und Ben, die sich – welch phantastische Überraschung! – ineinander verlieben. So überraschend wie die Vornamen, die in den amtlichen Melderegistern der Neugeborenen ziemlich weit vorne stehen. Wie nennt man so etwas eigentlich? Mainstream-Schreiberei? Allerweltsliteratur? Wie wir sie seit Jahren aus einer bestimmten Ecke immer wieder vorgelegt erhalten? Profil: weiblich, plusminus Dreißig, angefangenes oder beendetes oder abgebrochenes Studium von etwas, was irgendwie mit Bühne, Schreiben, Schreibwerkstatt zu tun hat, beharrlich das Romanschreiben mit dem Abfassen von Berichten aus dem näheren oder ferneren höchstpersönlichen Mikrokosmos verwechselnd.

Bisher sind Volker Weidermann und andere Fotofetischisten die Antwort schuldig geblieben, was sie mit dem Herzeigen großformatiger Autorenbilder eigentlich bezwecken, was sie im Betrachter damit wecken wollen.

Und was glaubt er, wie lange man von besagtem Buch wohl sprechen wird, wie lang der literarische Halbzeitwert sein wird? Vom Ausland gar nicht erst zu reden.


(„Ben“ / Annika Scheffel / Verlag Kookbooks)



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